Die Mensch-Maschine: Hilferuf an die mindestens durchschnittlich Begabten

 

http://www.spiegel.de/netzwelt/web/lobo-kolumne-hilferuf-an-die-mindestens-durchschnittlich-begabten-a-1072955.html

Eine Kolumne von Sascha Lobo

 

Was sich an Schwachsinn in die sozialen Medien ergießt, ist mittlerweile nicht mehr auszuhalten. Oft scheint es, als sei es gar nicht Hass, sondern vor allem Dummheit, die sich da Bahn bricht. Das hat einen einfachen Grund.

 

Jetzt taucht also auch noch die RAF aus der Versenkung auf. Das Jahr 2016, das lässt sich schon jetzt sagen, hat einen speziellen Humor. Meiner ist es nicht, aber das kann auch an der enormen Vollheit meiner Schnauze liegen. Das hat weniger mit dem sensationell verstörenden Start dieses Jahres zu tun. Sondern mit den Reaktionen darauf.

 

Es gibt Leute, die erklären, die Welt sei insgesamt so gut dran wie nie zuvor. Mag sein. Aber dank sozialer Medien bekommt man zu allem, was geschieht, eine Dreingabe, nämlich die Reaktion des Publikums darauf. Eigentlich etwas Wunderbares, eine wirklich neue Dimension des Internets - den Kommentierenden beim Verfertigen der Gedanken in den Kopf schauen zu können. In einzeln aufblitzenden Momenten in sozialen Netzwerken ergeben sich großartige Diskussionen.

 

Meistens aber nicht. Besonders jetzt nicht. Denn intensiv diskutierte Ereignisse sind für viele Millionen Menschen in diesem Land eine fantastische Gelegenheit zum Schnauzehalten, die sie sämtlich verpassen. Es ist ein Segen, dass sich alle öffentlich äußern können, und eine Ernüchterung, auf welche Weise dieses Recht wahrgenommen wird. Der Medienkritiker Hans Hoff gibt diesem Umstand eine massenmediale Dimension: "Es ist nicht schlimm, dass sich heutzutage jeder Depp öffentlich äußern kann. Das ist gut für eine Demokratie. Es ist indes schlimm, dass heutzutage jeder Depp ernst genommen wird, dass so getan wird, als wäre noch die abstruseste Theorie eine Meldung wert."

 

Und meine Güte, was für ausgedehnte Ödsümpfe der Stumpfheit, die in der Kommentarlandschaft sichtbar werden. Könnte man Unfug in Energie verwandeln, mit einem deutschen Tagwerk auf Facebook ließe sich Grönland eisfrei fönen. Schon 2012 schrieb Frank Schirrmacher die Einsicht: "Nicht die Anonymität, sondern der ansteigende Grad der NICHT-anonymen Hass-Kommentare und -Mails […] ist beunruhigend." Diese Offenheit scheint inzwischen nicht die Konsequenz eines verqueren Muts, sondern eine Folge der völligen Gedankenlosigkeit zu sein.

 

Wer etwa drei Minuten die begeistert-empörten Kommentare auf der Facebook-Seite studiert, muss Pegida nicht als politische Bewegung, sondern als Phänomen der schieren Dummheit begreifen. Zu Beginn schien das in Teilen differenzierter, aber inzwischen implodierte mit der Radikalisierung offensichtlich auch jeder Restsinn für gesellschaftliche Diskussionen. Häufiger schon wurde darüber geschrieben, dass man mit diesen Leuten nicht diskutieren könne. Das liegt aber nicht nur daran, dass sie nicht wollen, sondern dass den Kommentatoren auf der Seite oft selbst die elementarsten Dialogfähigkeiten fehlen. An ihnen perlt sogar die Frage "Warum?" ab. Und nicht nur an ihnen, sondern an nervenzerreißend vielen in der Netzöffentlichkeit.

 

Eine der simpelsten gedanklichen Verknüpfungen, die Kausalität, misslingt regelmäßig. "Es regnet, weil die Straße nass ist", in den digitalen Fußgängerzonen fände man Aberhunderttausende, die diesen Satz nicht nur unterschreiben, sondern gleich zur Bundestagspetition ausformulieren würden, inklusive der Forderung, Regen zu verbieten und die Straße abzuschieben. Wie soll man mit Leuten, die mit dem Wörtchen "weil" unzusammenhängenden Quark zur Pauschalbehauptung verbinden, über komplexere Themen diskutieren? Die Antwort macht mich fertig, denn sie lautet: gar nicht. Es geht nicht.

 

Es fehlt auch jedes Gespür für Verhältnismäßigkeit. Wie kann man ernsthaft von "Merkel-Diktatur" sprechen, weil einem zwei Regierungsentscheidungen nicht passen? Wer solche absurden Fantastereien ohne jeden ernsthaften Beleg rausknötert, katapultiert sich selbst aus der Sphäre, in der politische Diskussionen stattfinden. Hinein in das Donald-Trump-Universum, in dem ein dumpf bauchgefühlter Halbsatz mehr gilt als 3000 Jahre Zivilisationsaufbau. Was, wenn der (auch von mir) vielbeschriebene "Hass im Netz" eigentlich kein tief empfundener Hass wäre, sondern nur die dümmstmögliche Reaktion? Wenn also gar nicht die ablehnende Emotionalität das eigentliche Problem wäre, sondern die nicht vorhandene Reflexionsfähigkeit? Und der Hass nur die grausige Folge davon?

 

Folgen der Flächenidiotie

 

Und leider betrifft die Abwesenheit jeder Argumentation nicht nur die rechtspopulistischen Horden im Netz, bei denen es mir gut in mein politisches Konzept passt. Zwar sind die beiden auf Facebook meistgeliketen Parteien (wenn man wie ich die "PARTEI" ignoriert) die AfD und die NPD. Aber es hat sich - eher unabhängig von politischen Überzeugungen - insgesamt eine Netzöffentlichkeit erhoben, die in irritierend großen Teilen eine Fratze ist.

 

Leute, von denen man es nie gedacht hätte, sind plötzlich in der Lage, Chemtrails nahtlos in ihr Weltbild einzufügen. Also die Überzeugung, dass Kondensstreifen von Flugzeugen in Wahrheit gefährliche, bewusstseinsverändernde Chemikalien enthalten. Groteskstmögliche Gerüchte und Verschwörungstheorien fallen auf einen überraschend weitverbreiteten Nährboden der Dämlichkeit. Besonders absonderlich ist dabei die fragmentierte Partialdumpfheit, bei der jemand zu Kultur oder Unterhaltung Kluges oder wenigstens Unterhaltsames äußert, nur um anschließend maximal hanebüchene Gedanken zum Weltgeschehen herauszututen.

 

Eine der schlimmsten Folgen der Flächenidiotie in den sozialen Medien ist, dass sie zugleich die Beschäftigung mit den eigenen Aspekten der Dämlichkeit und Beklopptheit erschwert, mit den Splittern der Unzurechnungsfähigkeit, die in jedem Gehirn stecken, in meinem natürlich auch, und nicht zu wenige, in Form von dumpfen Irrationalitäten, schnellgeschossenen Fehlschlüssen und falschen Selbstverständlichkeiten. Aber über die eigenen geistigen Unzulänglichkeiten zu diskutieren neben jemandem, der voller Inbrunst gegen die Herrschaft der Echsenmenschen anschreit - das wirkt, als würde man neben Idi Amin stehen und voller Scham über diese Ohrfeige sprechen, die man dem kleinen Peter in der Grundschule verpasst hat.

 

Je dümmer, desto Social Media

 

Es gibt diesen uraltklugen, schwer erträglichen, lateinischen Spruch: "Wenn du geschwiegen hättest, wärest du Philosoph geblieben." Mit den sozialen Medien ist dabei eine nationale Größenordnung erreicht: Hättet ihr geschwiegen, wäret ihr weiter für potenziell zurechnungsfähig gehalten worden. Vielen Leuten bekommt das Internet einfach nicht.

 

Man könnte mein Gefluche für einen Ausbruch halten, weil ich es nicht mehr ertrage, und das stimmt. Aber dahinter steckt auch eine Sorge, weil ich die breite Bevölkerung dieses Landes bisher für kognitiv geschmeidiger halten wollte. Die Hoffnung, dass diejenigen, die in demokratischer Weise über die Politik bestimmen, doch einigermaßen gewitzt seien. Aber so, wie sie sich Millionen in den sozialen Medien äußern, verdünnt sich meine Hoffnung ins Homöopathische. Um so bitterer, weil man im Hintergrund bereits hämisch antidemokratische Elitisten lachen hört, die noch nie Vertrauen in die Zurechnungsfähigkeit der Vielen haben wollten.

 

Und genau in dieser Situation kommt eine Zahl daher, die zunächst bestürzend scheint - aber sich dann in einen Hoffnungsschimmer verwandelt. Vielleicht den einzigen. Die OECD hat herausgefunden, dass in allen Ländern die Social-Media-Nutzer gebildeter sind als der Bevölkerungsdurchschnitt. Außer in Deutschland. Ausgerechnet hier ist es andersherum: je dümmer, desto Social Media.

 

Deppenmagnet deutsches Facebook. Das erklärt nicht nur einiges, es gibt auch Anlass zu hoffen. Und zu bitten. Nämlich die zurechnungsfähigen Teile der Bevölkerung dort draußen, die es ja offenbar gibt: Bitte, mindestens durchschnittlich Begabte, kommt zu uns ins Netz! Diskutiert mit, redet mit, zeigt euch! Lasst uns nicht allein mit den stumpfen Horden. Kommt! Wir halten nicht mehr lange durch im digitalen Stalingrad der Vollidiotie.