Was der Westen besser macht als Ostdeutschland

Eine Kolumne von Ursula Weidenfeld

 

https://www.t-online.de/finanzen/id_85469424/arbeitsproduktivitaet-was-der-westen-besser-macht-als-ostdeutschland.html

 

Im Streit über die Leistungsfähigkeit der ostdeutschen Wirtschaft geht es nicht um Fleiß oder Faulheit, sondern um Investitionen und Innovationen – und um gute Laune.

 

Was kann der Westen bloß, was der Osten nicht kann? Wenn der thüringische Ministerpräsident Bodo Ramelow (Die Linke) diese Frage beantwortet, holt er erst einmal weit aus. Er erwähnt das Melkkarussell der Agrargenossenschaft Teichel bei Rudolstadt, das problemlos 450 Kühe am Tag melken kann – mehr als jede Melkmaschine im Westen. Er lobt die Heberndorfer Leistenfabrik, in der die Fußleisten für nahezu alle Baumärkte Europas zurechtgesägt werden – auch für die Heimwerker in Westdeutschland. Er begeistert sich für den Computerspezialisten Bluetech in Meuselwitz, der öfter mal Wettbewerber übernimmt – zuletzt einen aus der Nähe von München.

 

Ostdeutsche arbeiten im Jahr 64 Stunden mehr als Westdeutsche

Was also kann der Westen besser? "Nichts", schleudert Ramelow den Wirtschaftsforschern entgegen, die den anhaltenden Produktivitätsrückstand der ostdeutschen Wirtschaft konstatieren. Das trifft die Wahrheit zwar nicht ganz. Denn die Unternehmen in Ostdeutschland produzieren mit demselben Einsatz von Arbeit und Kapital tatsächlich durchschnittlich rund ein Fünftel weniger als westdeutsche Firmen. Doch Ramelow weiß, dass der komplizierte Begriff der Arbeitsproduktivität bei den Ostdeutschen nur auf eine Wahrnehmungsebene trifft: Sie glauben, die Wirtschaftsforscher hielten sie für faul und blöd. Und jeder weiß genau, dass es anders ist.

 

Arbeitnehmer in Ostdeutschland arbeiten im Jahr durchschnittlich 64 Stunden mehr als Beschäftigte in Westdeutschland. Von den 15- bis 65-jährigen Bürgern stehen knapp 80 Prozent im Erwerbsleben, im Westen sind es nur 78 Prozent. Bei den höheren Schulabschlüssen liegen Ost- und Westdeutschland inzwischen gleichauf. Dazu kommt: Seit der Wiedervereinigung sind unter dem Strich rund eine Million Menschen nach Westdeutschland umgezogen. Dort arbeiten sie natürlich genauso produktiv wie ihre Kollegen.