Lobo antwortet Fleischhauer

Die Goldmedaille in Privilegien-Blindheit

Nachdem viele Journalisten kürzlich "Nazis raus" twitterten, schrieb Jan Fleischhauer eine SPIEGEL-Kolumne mit der Überschrift "Nazis rein". Dahinter steckt viel mehr als nur ein kindischer Wunsch nach Provokation.

 

Kolumne von Sascha Lobo

http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/lobo-antwortet-fleischhauer-die-goldmedaille-in-privilegien-blindheit-a-1249483.html

 

Deutschland im Januar 2019:

 

  • Am 1. Januar fährt ein rassistischer Attentäter in Bottrop und Essen mehrmals mit dem Auto in mehrere Menschengruppen hinein. Als Motiv gibt er an, er habe Ausländer töten wollen.
  • Am 4. Januar wird bekannt, dass ein offenbar rechtsextremer Mann persönliche und intime Daten von rund tausend politisch Aktiven veröffentlichte, um ihnen zu schaden.
  • Am 10. Januar wird bekannt, dass in Hessen ein weiterer Polizist im Verdacht steht, Behördendaten an Rechtsextremisten weitergegeben zu haben.
  • Am 11. Januar bekommen Landgerichte in ganz Deutschland Bombendrohungen von einer "nationalsozialistischen Offensive".
  • Am 14. Januar bekommt die Anwältin von NSU-Opfern, Seda Basay-Yildiz, per Fax eine weitere Drohung eines "NSU 2.0", wiederum mit Daten, die wahrscheinlich aus behördlichen Datenbanken stammen. Das erste Droh-Fax kam mutmaßlich von einem rechtsextremen Netzwerk in der hessischen Polizei.
  • Am 16. Januar führt die Polizei eine Razzia gegen 40 bekennende Nationalsozialisten der Gruppierung "National Socialist Knights of the Ku Klux Klan Deutschland" durch, beschlagnahmt über hundert Waffen, aber nimmt null Personen fest.
  • Am 7. Januar wird bekannt, dass das rechtsextreme Netzwerk in der Polizei noch größer ist: Mindestens drei weitere Polizisten sollen Hitlerbilder und andere rechtsextreme Inhalte ausgetauscht haben, weitere mutmaßlich rechtsextreme Polizistenzirkel werden bekannt, etwa in Hamburg.

 

In diesen Zeiten hält es mein Kolumnistenkollege Jan Fleischhauer für eine sinnvolle Idee, am 19. Januar im SPIEGEL eine Kolumne zu veröffentlichen, die überschrieben ist mit "Nazis rein".

 

Um das zu begreifen, muss man tiefer in das Getöse eindringen, das viele Menschen in Deutschland für eine Debatte halten. Der Text selbst ist als Reaktion auf eine Twitter-Begebenheit zu verstehen, die mit einer ZDF-Journalistin begann. Sie hatte am 1. Januar "Nazis raus" getwittert, in Verbindung mit einer unverkennbar sarkastischen Bemerkung darüber, wer als Nazi zu verstehen sei. Ein digitaler Mob mit Morddrohungen als Mistgabeln und Vergewaltigungsflüchen als Fackeln attackierte sie darauf hin über Tage. Neben der großen Solidarität, die sie erfuhr - etwa auch über den Twitteraccount von SPIEGEL ONLINE -, zeigte sich noch eine andere, auf den ersten Blick überraschende Reaktion: Kritik an der Formulierung "Nazis raus" von Leuten, die ziemlich offensichtlich keine Nazis sind.

 

  • Axel-Springer-Chef Döpfner sah in "Nazis raus" eine Verharmlosung des Nationalsozialismus.
  • Die "Zeit" sah in "Nazis raus" ein Beispiel der Verrohung der Debatte.
  • Die "Süddeutsche Zeitung" erkannte, dass es nicht so einfach sei und fragte, wohin denn die Nazis sollen.
  • In der "Welt" glaubte jemand gar, dass "Nazis raus" wörtlich genommen verfassungsfeindlich sei.

Gut, wörtlich genommen ist der Name "Die Welt" auch nah am Betrug, in Wahrheit handelt es sich bei der Zeitung nämlich nur um einen sehr, sehr kleinen Teil der Welt. Aber ich halte mich lieber zurück, bevor jemand bemerkt, dass man sich in SPIEGEL ONLINE gar nicht wirklich spiegelt. Spätestens zu diesem Zeitpunkt jedoch ließ sich der anschwellende Bocksgesang der Kritik an "Nazis raus" kaum mehr übertreffen. Deshalb blieb als Steigerung nur noch "Nazis rein". Und darum ging es: Eskalation.

 

Der dazugehörige Kolumneninhalt ist im Detail gar nicht so wichtig, es handelt sich wohl um eine textliche Turnübung, um die abstruse Überschrift in eine nicht rechtsextreme Richtung zu wenden. Denn das Wichtigste an der Kolumne ist meiner Ansicht nach nicht der Inhalt und auch nicht die Überschrift - sondern die Reaktion auf die Überschrift. Es geht um die Provokation "der anderen", präziser: der Linken und Liberalen. Also derjenigen, die gehofft hatten, "Nazis raus" sei eine Art deutscher Minimalkonsens und sich deshalb empörten.

 

Rechte definieren sich über die Empörung Nichtrechter

 

Man könnte diesen unbedingten Wunsch nach Provokation als kindergartig abtun und läge nicht völlig verkehrt, aber würde trotzdem dem Phänomen nicht gerecht. Dahinter steht sehr viel mehr, nämlich letztlich eine massive Krise der westlichen Selbstwahrnehmung.

 

In den vergangenen 20 bis 30 Jahren ist fast jede Form von "Wirgefühl" in den westlichen Ländern zerstoben. Die Gründe dafür sind vielfältig, sie reichen vom Ende des Kalten Kriegs bis zur Erkenntnis, dass mit "wir" in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ohnehin meist mittelalte bis alte, weiße, nicht behinderte, heterosexuelle Cis-Männer gemeint waren.

 

Diese große Krise der Identität durch gesellschaftliche Unordnung ist insbesondere für Leute schwer auszuhalten, die Anhänger einer "geordneten Welt" sind, deren Ordnung "natürlich oder gottgewollt" ist. Diese beiden Zitatschnipsel stammen aus einem Interview, das Fleischhauer selbst mit dem Soziologen Armin Nassehi Anfang 2019 führte, sie illustrieren "rechtes Denken".

 

Wenn sich also trotz des schön geordneten Weltbilds alles verändert, obwohl man gegen die Veränderung kämpft - was bleibt dann noch? Die Antwort ist so schlicht wie entlarvend, und sie erklärt die von vielen für undenkbar gehaltene Kontroverse um "Nazis raus" in Deutschland 2019, denn es geht um einen Identitätsmechanismus, den Konservative von Rechten übernommen haben: Rechte definieren sich über die Empörung Nichtrechter.

 

Konservative übernehmen das Erfolgsrezept der Rechten

 

Rechte betrachten Linke und Liberale als Kompass, der nach Süden zeigt. So erklärt sich, warum Trump-Fans eher Putin als Obama als US-Präsidenten akzeptieren würden. Was Linke aufregt, muss richtig sein - nach dem "Windrad-Prinzip" wird Energie aus dem Gegenwind gezogen. Den Mechanismus der Identität durch Provokation hat der Psychologie- und Juraprofessor Dan Kahan in Yale erforscht. Er erklärte 2016, warum Trump-Fans so viele Fake News in sozialen Medien teilen. Es geht ihnen dabei nicht um Wahrheit oder Sinnhaftigkeit, sondern um ein Signal der sozialen Zugehörigkeit durch Abgrenzung: Trump-Fans teilen, was Clinton-Fans zur Weißglut treibt. Die gegnerische Empörung ist nicht Beiprodukt, sondern Hauptzweck.

 

Aus rechten Sphären ist diese Haltung bis tief in das konservative Lager geschwappt, genauer gesagt handelt sich "Aufregung von links" um die Hauptgemeinsamkeit Konservativer und Rechter. Deren Beziehung lässt sich mit den ewigen Worten von Ralph Giordano über deutsche Konservative verdeutlichen: "Für sie steht der eigentliche Feind immer noch links. Rechts - das sind irgendwie ungezogene Verwandte."

 

Da kann man als Konservativer auch schon mal das Erfolgsrezept Provo-Getöse der Rechten übernehmen, obwohl im 20. Jahrhundert die banale Provokation der Gegenentwurf zum Konservatismus war. Zumal die jüngere Polit-Historie lehrt, dass diese Form der Eskalation niemals endet.

 

"Nazis rein" ist nicht einmal ernst gemeint

 

"Nazis rein" überhaupt schreiben zu können, selbst als provokante Pose, geht nur, wenn man persönlich durch Nazis nicht für seine schiere Existenz physisch bedroht wird - weil man etwa nicht schwarz, jüdisch oder geschlechtlich divers ist. (Siehe die Aufzählung am Anfang.) Es handelt sich um die Goldmedaille in Privilegien-Blindheit am dreisten Band. Und sie ist nicht einmal ernst gemeint.

 

Man erkennt das daran, dass Fleischhauer am Schluss seiner Kolumne ein Rezept des Umgangs mit Nazis anführt, das bei Rechten nicht besonders gut ankommen dürfte. "Nazis rein" sei "sehr viel gesellschaftsdienlicher" schreibt er, und erklärt das mit der amerikanischen "Reeducation" von Nazis zur Nachkriegsintegration. Die Übersetzung lautet "Umerziehung".

 

Fleischhauer schlägt, so muss ich das lesen, die Umerziehung von Nazis vor. Aha. Dem Konzept Umerziehung stehe ich in der Tendenz kritisch gegenüber, aber wenn Fleischhauer drauf besteht: "Nazis rein in die Umerziehung" als Überschrift, darüber hätte man doch diskutieren können! Ach, ums Diskutieren ging es gar nicht, stimmt ja.