Ostdeutsche müssen Demokratie erst lernen

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Von Dörthe Hein

 

Die Landesbischöfin vergleicht die hiesige Fremdenfeindlichkeit mit der in Westdeutschland in den 60er-Jahren.

 

Magdeburg/Erfurt. Die Landesbischöfin von Mitteldeutschland, Ilse Junkermann, sieht bei den Ostdeutschen Nachholbedarf in Sachen Demokratie. "Es machen sich viele zu wenig klar, dass die Demokratie hier erst 30 Jahre alt ist und nicht 70", sagte Junkermann der Deutschen Presse-Agentur in Magdeburg.

 

"Viele kommen mit einen Vorwurf an die Ostdeutschen, wie rechts sie seien. Aber dieses Einüben von Demokratie, man könnte den derzeitigen Stand vergleichen mit der Bundesrepublik Mitte der 1960er Jahre. Wie rechts war die Bundesrepublik damals?" Sie erinnere sich noch an ihre Jugendzeit im baden-württembergischen Hohenlohe. 1971 habe die NPD dort 18 Prozent erreicht. "Das kann man doch gut vergleichen."

 

Die Landesbischöfin sagte: "Das heißt, wir sind hier stärker in einer Konsolidierungsbewegung für demokratisches Verhalten. Wir brauchen verstärkt das Bewusstsein dafür, Demokratie lebt davon, dass die Bürgerinnen und Bürger sich engagieren. Politiker können nicht zaubern, sondern es braucht die gemeinsame Anstrengung und das Bewusstsein: Demokratie ist die schwierigste aller Gesellschaftsformen, aber die beste, die wir kennen. Deshalb lohnt sich das Engagement." Die Landesbischöfin stammt aus Baden-Württemberg und steht seit 2009 an der Spitze der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland.

 

Insgesamt ist für Junkermann auch fast 30 Jahre nach der friedlichen Revolution die deutsche Einheit längst nicht abgeschlossen. "Ich finde, die Unterschiede sind noch sehr groß und es wird zu wenig realisiert, dass es noch eine ganze Zeit so gehen wird, dass die Gegenwart unterschiedlich ist, weil die Geschichte unterschiedlich ist." Das Einkommensgefälle sei nach wie vor da.

 

Aber auch der Umgang mit Menschen aus anderen Kulturen sei im Osten anders als im Westen. "Die Angst vor Überfremdung ist hier größer, auch weil die eigene Identität schon einmal grundsätzlich in Frage gestellt wurde durch die Wende nach der friedlichen Revolution. Da ist die Befürchtung, es kommt jetzt nochmal eine grundlegende Veränderung. Kann man das zweimal in einem Leben verkraften? Ich kann die Angst auch sehr gut nachvollziehen", sagte Junkermann. Sie halte Begegnungen für besonders wichtig.

 

Auf der anderen Seite sei in den vergangenen Jahrzehnten auch einiges zusammengewachsen. "Natürlich gibt es Annäherung durch alles, was in den 30 Jahren gemeinsam gelebt worden ist und gelebt wird. Digitalisierung, Herausforderungen, vor denen wir gemeinsam stehen. Es ist ja toll, dass die Geschichte nicht getrennt weitergeht, sondern gemeinsam."