Zivilisationsabbruch

https://www.confessio.de/artikel/1196

 

Im Zug von Chemnitz

Kennen Sie das? Man sitzt im Zug und möchte gern etwas lesen, aber es gelingt nicht, weil im Nachbarabteil ein Gespräch geführt wird und man durch die Umstände gezwungen ist, mitzuhören. In diesem Fall befinde ich mich in einem Regionalzug von Freiberg nach Dresden. Der Zug kommt aus Chemnitz. Hinter mir sitzen einige Männer und Frauen mittleren Alters, offenbar auf der Rückfahrt von ihrer Beteiligung an den Kundgebungen von AfD und Pro Chemnitz. Aktueller Anlass ihrer Teilnahme am Demonstrationstourismus waren die Mobilisierungen rechtsnationaler Gruppen nach dem Tod eines jungen Mannes in Chemnitz bei einer Messerstecherei, deren genaue Umstände noch unklar sind. Für die Veranstalter genügt, dass „Ausländer“ daran beteiligt sind. Einen kleinen Ausschnitt aus dem Denken dieser Demonstrationsteilnehmerinnen und -teilnehmer musste ich mit anhören. In wieweit es typisch oder repräsentativ für weitere Demonstranten ist, kann ich nicht sagen. Aber authentisch war es – leider.

 

Gewaltphantasien

Das Gespräch führt von einer Beurteilung der aktuellen und früheren sächsischen Ministerpräsidenten zu Äußerungen von Gewaltphantasien gegen die Grünen-Politikerin Claudia Roth. Sie sollte nur in Strapsen ins Flüchtlingsheim geschickt werden, irgend ein „Notgeiler“ werde sich schon finden. Der Gedanke, sie lieber 16h täglich im Altersheim arbeiten zu lassen, wird aus Rücksicht auf „unsere armen Alten“ verworfen. Später im Gespräch wird vorgeschlagen, ein paar Viehanhänger zusammenzustellen, „dort alles rein, die Merkel auch“…. Was sie genau damit vorhatten, verschluckt gnädigerweise der Zuglautsprecher mit der nächsten Stationsansage ebenso wie den Plan, mit 10 Benzinkanistern etwas anzustellen. Das bezog sich aber auf René Jahn, den früheren Mitorganisator von PEGIDA, nun aber „das Dreckschwein, der Jude“, dem man „gleich aufs Maul hauen“ sollte.

 

Eine Frau will wissen, ob und von wem die offenbar für den nächsten Tag erneut geplante Demo angemeldet ist, ob AfD oder ProChemnitz und ob sie „genehmigt“ wurde, denn sie möchte nicht in den Polizeikessel geraten. Den Männern scheint das eher egal zu sein, sie sind sich aber bezüglich der Anmeldung sicher und kennen sich auch mit Spontananmeldungen politischer Kundgebungen aus. Auch bei Legida waren die Mitreisenden schon mit dabei und können Erfahrungen vom dortigen Ausbruch aus einem Polizeikessel beisteuern.

 

Die andere Wahrheit

Das Gespräch springt von Baumängeln bei Schornsteinen über die Gedankenbrücke der Vergasung nach Auschwitz, wo die die dortige systematische Judenvernichtung aufgrund angeblicher Details der Verbrennungsöfen in Zweifel gezogen wird. Ein Mitreisender empfiehlt den anderen die Lektüre des „Leuchter-Reports“ - ein Klassiker der Holocaustleugnung. Offenbar kennt er sich da aus. Dies bildete den Auftakt für einen fröhlichen Ritt durch eine verschwörungsmythische Betrachtung der Zeitgeschichte: Nazigröße Rudolf Hess sei im Spandauer Gefängnis umgebracht worden, weil er der letzte Überlebende war, der hätte aussagen können. Osama Bin Laden hingegen sei noch am Leben, da gebe es ein Foto vom April 2018. Es wird über diverse Theorien zu 9/11 diskutiert und plötzlich in analoger Manier der NSU-Prozess zerpflückt. Unter Bezugnahme auf Informationen des russischen Senders RT wird der Selbstmord von Böhnhardt und Mundlos bezweifelt. Letztlich sei Zschäpe „ohne Beweise“ nur eingesperrt worden, damit sie die Fresse hält. „Das Ding ist gefaket“ ist sich einer der Mitreisenden sicher. Genauso wie der Überfall im Olympia-Zentrum in München. Und auch die Brücke in Italien sei nicht einfach so zusammengebrochen, sondern eine Sprengung gewesen. Ungerecht finden sie auch das harte Urteil gegen die Terrorgruppe in Freital. Dabei hätten die doch nichts anderes gemacht „als die Linksfaschisten“. Oder der „angebliche“ Bombenanschlag auf die türkische Moschee in Dresden-Cotta, das könne doch auch alles nicht stimmen. Am Ende sei es die Frau des Imam selbst gewesen.

 

Einer der Männer berichtet bewegend, wie er versucht hätte, im Koran zu lesen, aber massive körperliche Abwehrreaktionen aufgrund seiner Abneigung ihn daran gehindert hätten, die sich erst dadurch überwinden ließen, dass er Frontcover und Titelblatt des Buches abgerissen und verbrannt hatte. Er könne es nicht erklären, aber so sei es gewesen. Zustimmung erntet aber auch eine der Frauen, die Papst Franziskus als Kinderschänder bezeichnet („der Drecksack“). Dennoch sind die Männer keine primitiven Hooligans, sondern haben einen durchaus intellektuellen Anstrich. Einer hat ein Buch dabei. „Das bekommst du aber nicht im öffentlichen Handel!“ „Nee, hab ich bei Kubitschek gekauft, mir von Antaios schicken lassen.“ Dass es die Geschäfte unterm Ladentisch noch gibt, wird mit DDR-Nostalgie in der Stimme resümiert.

 

Zu frech gegrinst

Immer mal wieder wird das Gespräch von Meldungen unterbrochen, die aus dem Internet oder über Social-Media-Kanäle hereinkommen und sich auf das Geschehen in Chemnitz beziehen. Die Frauen jubeln, dass eine Zeitung schreibt, Chemnitz sei erst der Anfang und noch mehr über eine Meldung (vielleicht auf Facebook), dass 10 000 Teilnehmer bei der rechten Demo gewesen seien. Das halten die Männer für übertrieben und gehen von 4000 aus, sind aber ebenso begeistert, wie viele dem Aufruf der Identitären Bewegung und anderer gefolgt sind. Sie wissen auch, was an der Zentralhaltestelle passiert ist: „Da waren welche [Ausländer] auf der Straße, die haben nur gegrinst. Das war der Reizpunkt, wo sie mal gejagt haben, denn die haben ganz frech gegrinst. Mit solchen kannst du nicht vernünftig reden. Da gibt es nur eine Sprache, die sie wirklich verstehen: Auf’s Maul, auf’s Maul, auf’s Maul.“

 

Diejenigen, die das sagten, waren keine Glatzköpfe in Springer-Stiefeln und trugen auch keine Thor-Steinar-Klamotten. Es waren äußerlich besehen ganz normale sächsische Bürger. Sie würden sich vermutlich nicht selbst als Neo-Nazis verstehen, nur weil sie etwas den Holocaust bezweifeln und an ein Einsitzer-Volksflugzeug erinnern. Sie reden von „den Rechten“ und meinen nicht sich selbst. Bei PEGIDA sind sie allerdings ganz vorn mit dabei, wie zu hören war. Und morgen 15:00 Uhr, da wollen sie wieder zusammenkommen und demonstrieren…

XXXXXXXXXXXXXXX

 

Der Ministerpräsidenten auch dieser Sachsen:

https://www.sueddeutsche.de/politik/sachsen-ministerpraesident-kretschmer-lobt-super-job-der-polizei-1.4108763

 

und wie er sich voller unterdrücktem Zorn gegen ein „Sachsenbashing“  verwahrt, nicht alle Sachsen wären so wie der rechte Mob in Chemnitz. Das wäre nur eine kleine Minderheit.

 

Weshalb sagt dem Ministerpräsidenten eigentlich niemand, man benötigt gar kein Sachsenbashing mehr (diese Nummer ist schon lange zu klein). Die Sachsen haben auf jahrzehntelangem Geheiß ihrer Politiker selbst dafür gesorgt, dass es so ist, wie es sich seit Jahren zeigt. Man schaue nur nach Bautzen, Heidenau, Pirna, Schwarzenberg, Dresden und und und.

 

Wie die gesamte Verwaltung (vom Pförtner bis zum Obersten) von den Rechten bereits unterwandert ist, zeigen der LKA-Angestellte mit Hut und der in der Öffentlichkeit aufgetauchte Haftbefehl für einen der Messerstecher.

 

Weshalb schließt die CDU Sachsen nicht eine Koalition mit der AfD aus?

Besonders bezeichnend ist schon aus diesem Grunde die Haltung der AfD zum Chemnitz-Pöbel. Er zeigt volles Verständnis für Selbstverteidigung (Gauland). Ja, ja, der Oppa weiß, wie man die Situation weiter am köcheln hält.

XXXXXXXXXXXXXXXX

 

Dazu auch

 

Sachsen, es reicht!

Vom Rechtsanwalt Jürgen Kasek

https://juergenkasek.wordpress.com/2018/08/27/sachsen-es-reicht/

 

Kaum eine Woche vergeht, in der Sachsen nicht irgendwo negativ in den Schlagzeilen ist.

Allein die letzten Wochen geben zu denken.

In Dresden wird die Pressefreiheit mal kurz verletzt, ein LKA Mitarbeiter, der Zugang zu sensiblen Daten hat, entpuppt sich als Anhänger einer fremdenfeindlichen Bewegung, die überraschenderweise nicht vom Verfassungsschutz überwacht wird.

In Bautzen, fast schon unbemerkt, wird die Botschafterin für Demokratie, offensiv bedroht, dass man ihr mit Säure das Gesicht verätzen will.

 

Von all den anderen alltäglichen Vorkomnissen reden wir nicht. Vom alltäglichen Rassismus, von den kleinen Pöbeleien und Angriffen – weil es normal geworden ist.

 

 

Und dann Chemnitz.

Es ist immer wieder der gleiche Ablauf. Es kommt zu einer Auseinandersetzung. Ein Mensch stirbt. Schon das ist schlimm genug. Bevor irgendwelche Hintergründe klar sind, wird nicht etwa dem Toten gedacht sondern der Tod wird instrumentalisiert.

 

Neonazis rufen dazu auf, zu zeigen wer „in der Stadt das Sagen hat“. Das Stadtfest wird abgebrochen und ein Mob von 800 Menschen ziehen gröhlend durch die Straßen. Der Tod eines Menschen ist ihr Vorwand für Hass, für Angriffe auf Polizei, Andersdenkende und Menschen mit Migrationshintergrund.

An einem hellichten Tag in Deutschland zieht ein Mob durch die Straßen und fordert Lynchjustiz. Nein, dass ist nicht Deutschland 1933 aber es fühlt sich langsam so an.

 

Angefacht von PEGIDA, AfD und Neonazis, die der Gewalt den Weg bereiten, bricht sich diese ihren Weg.

Sie gröhlen „Wir sind das Volk“ und sie meinen damit die Ermächtigung zur Selbstjustiz.

 

Es gibt keine Rechtfertigung für Gewalt, es gibt keine Rechtfertigung für Hass und egal wer den Tod eines Menschen wofür auch immer instrumentalisiert, zeigt damit Anstandslosigkeit und verdient nur Verachtung.

 

All das geschieht in Sachsen, in dem Land, indem ich geboren wurde, lebe, arbeite. In dem Land, in dem ich mich seit mehr als 20 Jahren gegen Rassismus engagiere.

 

Wer es sehen wollte, konnte die Entwicklung sehen. Es waren nicht wenige die warnten. Aber oft genug wurde Ihnen kein Glauben geschenkt.

Es ist einfach Menschen auszugrenzen, die vor rechter Gewalt und Menschenfeindlichkeit warnen, und sie zu Linksextremisten zu erklären. In Sachsen ist auch das Alltag.

 

Es wundert daher nicht, dass die stärkste Partei in Sachsen nach den Geschehnissen von Dresden, zuerst die Presse verurteilt und den Vorwurf der Lügenpresse reproduziert. Es wundert nicht, dass die gleiche Partei zu Chemnitz keine Worte findet und schweigt.

 

Und es kann nicht wundern wenn viele Menschen, die nicht hier leben voller Abscheu und Unverständnis auf dieses Land schauen.

 

Aber es sind nicht wenige, die hier leben, die keine Rassisten sind, die in einer Demokratie leben und leben wollen. Die andere Menschen unterstützen, sich für die Gesellschaft und für Demokratie engagieren.

 

Allein diese verdienen es, dass man sie unterstützt und nicht einfach aufgibt und ganz Sachsen verdammt. Allein diese Menschen, die täglich egal ob in Bautzen oder Dresden, in Chemnitz oder Wurzen die Fahne der Demokratie hochhalten und die demokratischen Grundwerte leben, verdienen jede Unterstützung, die wir Ihnen geben können.

 

Und wir, dass sind wir alle, die für eine solidarische, demokratische Gesellschaft stehen und zwar egal woran wir glauben und welche Farben wir tragen.

 

Heute Abend rufen rechte Gruppierungen dazu auf nach Chemnitz zu fahren, offen wird gedroht Migrant*innen und Behörden anzugreifen. Der Mob schreit nach Hass.

 

Nein, ich kann nicht schweigen wenn Unrecht geschieht, ich will nicht wegsehen weil es michts angeht. Das hier ist auch mein Land.

 

Lasst uns gemeinsam heute Abend nach Chemnitz fahren und klar machen, dass Menschenfeindlichkeit immer ein Problem ist.

Und ihr, die ihr nicht fahren könnt macht deutlich auf welcher Seite ihr steht.

 

Wir sind das Andere Sachsen – das Sachsen das demokratisch und tolerant ist.

Und wir brauchen eure Unterstützung. Lasst uns nicht alleine.