Jenny S. aus Köthen

Wie sich eine Rechtsextreme als besorgte Bürgerin ausgibt

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Von Alexander Schierholz

 

Es muss ein rauschendes Hochzeitsfest gewesen sein am 20. April in der Nähe von Halle. Man trank, man feierte, man hörte Musik. Die Braut hatte extra zwei Musiker einer Live-Band organisiert, zur Freude der Gäste und ihres Zukünftigen.

 

Ihr Name: „Sleipnir“, eine in der Neonazi-Szene beliebte Rechtsrock-Gruppe. Ihre Songs tragen Titel wie „Bomber über Dresden“, „Der nationale Widerstand“ oder „Rebellion“.

 

Auf Holzmarkt in Köthen: Rechtsextreme Thügida ruft zur Demo auf

Das Datum der Feier war wohl mit Bedacht gewählt: Der 20. April ist der Geburtstag Adolf Hitlers. Rechtsrock zur Vermählung - die Behörden wurden davon überrascht. „Die Veranstalter haben auftretende Musikerinnen und Musiker sowie Musikgruppen im Vorfeld der Veranstaltung nicht gegenüber den Behörden angekündigt“, schrieb das Innenministerium zwei Monate später auf eine parlamentarische Anfrage der Linken-Landtagsabgeordneten Henriette Quade.

 

Fast fünf Monate später, Köthen, Holzmarkt, vergangener Montagabend. Die rechtsextreme Thügida-Bewegung hat zur Demo aufgerufen, 200 Menschen sind gekommen. Darunter auch die Braut von damals. Sie trägt nun weiße Sneakers zu schwarzer Hose und dunkelgrünem Parka. Ganz zivil.

 

Besorgte Jenny S. aus Köthen droht Journalisten und Linken

An einem sogenannten offenen Mikrofon stellt sie sich vor als Jenny aus Köthen, Mutter von drei Kindern, besorgt nach dem Tod eines 22-Jährigen in der Nacht zuvor. Doch dann redet sie sich warm, sie droht Journalisten und Linken: „Die da hinten werden als erstes brennen, brennen!“, ruft sie mit sich überschlagender Stimme über den Platz. Die Menge applaudiert, ein Mann ruft „Volksverräter!“

 

Redet so eine besorgte Mutter? Nach MZ-Informationen handelt es sich bei der Frau um Jenny S., vormals R., nicht nur eine Mutter mit Angst um ihre Kinder, sondern auch gut vernetzt in Neonazi-Kreisen. Das haben mehrere Quellen der MZ bestätigt.

 

Jenny S. aus Köthen war mehrfach Rednerin auf Nazi-Demos

Demnach sprach S., die für die MZ nicht erreichbar war, in den vergangenen Jahren mehrfach als Rednerin bei Neonazi-Demos, unter anderem in Merseburg, Wittenberg oder Weißenfels. Der Auftritt in der Stadt im Burgenlandkreis brachte ihr eine namentliche Erwähnung im Verfassungsschutzbericht 2016 des Landes ein.

 

Ein Bild aus dem November 2015 zeigt sie in Wittenberg mit einem schwarzen Shirt mit der Buchstabenkombination „HKNKRZ“ - das steht für „Hakenkreuz“. Erhältlich ist solche Kleidung in einschlägigen Online-Shops. Im Juni 2016 steht sie in Merseburg neben einem Transparent mit der Aufschrift: „Die Straße frei, der deutschen Jugend! Nationalen Sozialismus erkämpfen“. Typisches Neonazi-Vokabular.

 

Jenny S. aus Köthen stammt aus einem rechtsextremen Umfeld

Solche Auftritte zeigten, wie gut vernetzt Jenny S., vormals R., in der regionalen Rechtsextremisten-Szene sei, sagt Mario Bialek von der Koordinierungsstelle „Netzwerk weltoffener Saalekreis“. Er beobachtet das ultrarechte Milieu seit mehreren Jahren. „Man tritt auf Demos nicht einfach so als Redner auf“, sagt er, „dazu muss man gute Kontakte haben.“

 

Die liegen offenbar in der Familie: Ihr Stiefvater war Funktionär der NPD, später mischte er bei der rechtsextremen Splitterpartei „Die Rechte“ mit. Jenny S. gehörte 2015 zeitweise der „Brigade Bitterfeld“ an, einer Neonazi-Gruppierung, die sich später in „Nationales Kollektiv Anhalt“ umbenannte und schließlich auflöste. Die Szene ist in Bewegung, Strukturen ändern sich schnell. Doch die Köpfe dahinter bleiben, wie auch der Fall Jenny S. zeigt.

 

Rechtsextreme Jenny S. aus Köthen stellt sich als "einfache Mutter" vor

„Schon in Bitterfeld hat sie die besorgte Mutter gegeben“, sagt ein Szene-Beobachter. Und nun also auch in Köthen. Dort stellte sich Jenny S. schon am Sonntagabend am Rande des „Trauermarsches“ mit 2.500 Teilnehmern, darunter hunderten Neonazis, als „einfache Mutter“ vor, die gerade ihr Abitur nachholt. Die Botschaft: Ich bin eine von euch.

 

David Begrich überrascht das nicht. Der Mitarbeiter der Arbeitsstelle Rechtsextremismus beim Verein „Miteinander“ in Magdeburg spricht von einer planvollen Strategie. Botschaften würden unpolitisch verpackt, indem man sich als normaler Bürger inszeniere.

 

Rechtsextreme wie Jenny S. aus Köthen geben sich als normale Bürger

„Die NPD hat das schon vor Jahren zum Programm erhoben.“ In Schulungen seien Funktionäre angehalten worden, sich möglichst unauffällig zu geben, bis hin zur Kleidung. Noch heute orientieren sich Rechtsextreme daran.

 

Rechtsextremisten geben sich als ganz normale Bürger - in diese Strategie passt auch das Foto, das der frischgebackene Ehemann von S. nach der Hochzeit in einem sozialen Netzwerk im Internet postete: Es zeigt das Brautpaar vor dem Hintergrund eines Blütenmeers. Er im schwarzen Anzug mit roter Krawatte, sie im weißen Brautkleid, sie küssen sich innig. Ganz romantisch.

 

Nur die Aufschrift am unteren Rand des Bildes irritiert: „Blood & honour“ steht da in roter Frakturschrift. Blut und Ehre, der Name einer verbotenen Neonazi-Organisation.