Deutschland AfD-versifft

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Wir begehen gerade die 50. Wiederkehr des Revoltenjahrs 1968. Wie immer man darüber denkt, steht doch fest, wer wie Jörg Meuthen und andere AfDler behauptet, Deutschland sei bis heute 68er-mäßig „versifft“, überschätzt den Einfluss dieser einst etwas übergeschnappten Minderheit maßlos. Die meisten damals Aktiven wurden später ordentliche Leute, sind heute selbstverliebte Singles, nette Nachbarn oder sorgende Großeltern.

 

Schauen Sie, verehrte Leserinnen und Leser, zum Beispiel mich an oder Rüdiger Safranski, Winfried Kretschmann, Karl Schlögel oder Gerd Koenen, Lerke von Saalfeld oder Antje Vollmer. Nur ganz wenige 68er-Zausel bilden sich noch ein, sie hätten „die Bundesrepublik grundlegend zum Besseren verändert“. Die allermeisten danken zumindest im Stillen dem guten Geist des Scheiterns. Löste meine vor zehn Jahren erschienene Streitschrift „Unser Kampf. 1968 – ein irritierter Blick zurück“ (Fischer Taschenbuch) damals noch gehässige Wut unter meinen Exgenossen aus („Renegat!“, „Denunziant!“), ernte ich dafür heute freundlichen Beifall. So ändern sich die Zeiten.

 

Boehringer muss seines Vorsitzes enthoben werden

Wenn es in Deutschland heute eine versiffte Ekelecke gibt, dann in der AfD. Es ist widerlich, dass der Vorsitzende des Haushaltsausschusses im Deutschen Bundestag, der AfD-Mann Peter Boehringer, nach neuesten Erkenntnissen am 9. Januar 2016 eine Rundmail verschickt hat, in der steht: „Die Merkelnutte lässt jeden rein, sie schafft das. (…) Dumm nur, dass es unser Volkskörper ist, der hier gewaltsam penetriert wird.“

 

Diese Sprache ist nicht nur verletzend, wie manche beschwichtigend schreiben, sie ist neonazistisch. Der Gewaltrüpel Boehringer muss seines Vorsitzes enthoben werden. Gewählt wurde er übrigens mit den Stimmen der FDP; nur Die Linke lehnte ihn ab; CDU, CSU, SPD und Grüne enthielten sich. Es geht in diesem Fall nicht allein um die Person Angela Merkel, sondern um die Würde der Bundesregierung und des Bundestages.

 

„Legal – illegal – scheißegal!“

Während Boehringers gewaltgeile Männerfantasien ans Licht kommen, erzählt der AfD-Politiker Johannes Biesel, im Saarland für die Jugendarbeit seiner Partei verantwortlich, per Twitter: „Das Problem an #Fasching ist, dass du nicht sagen kannst, ob sie 14 oder 18 ist. Wenn du dann Pech hast, kommste an die 18jährige. #Karneval.“ Gemessen an AfD-Jugendleiter Biesel war die West-Berliner Kommune I eine fast züchtige, gesetzeskonforme Wohngruppe.

 

Fehlt noch das AfD-Schmuckstück Jan-Ulrich Weiß, Nachrücker für Alexander Gauland im Brandenburgischen Landtag. Weiß steht derzeit in Neuruppin vor Gericht. Laut Staatsanwaltschaft soll er „den Transport von insgesamt rund 5,8 Millionen unversteuerter Zigaretten von den Niederlanden nach Großbritannien veranlasst haben“. Auch wurde ihm schon antisemitische Hetze vorgeworfen. Mittlerweile macht sich die AfD die Parole „Legal – illegal – scheißegal!“ zu eigen.

 

Alt-68er dürfen entschuldigend für sich in Anspruch nehmen, dass sie in einer Welt aufwuchsen, die vom Krieg, von traumatisierten Eltern und Lehrern, vom harten Freund-Feind-Denken und posttotalitären Praktiken geprägt war. Diesen Bonus haben die versifften AfDler nicht. Und noch eines: Besser mit 22 linksradikal als mit 50 oder 70 rechtsradikal, verschweint und kriminell!

Mein Kurzkommentar:

 

Es vergeht kaum ein Tag, an dem sich die übriggebliebenen 89er aus der DDR irgendwie ins Gespräch bringen. Besonders gerne wird dies vorrangig von denen betrieben, die aus welcher Angst auch immer am Straßenrand standen und zuguckten. Heute aber, in der Hoffnung, dies damalige Verhalten wäre vergessen, sich als DIE 89er gebieren.

 

Ja, es stimmt. Die überwiegende Mehrheit der DDR-Bürger stand am Straßenrand. Im günstigsten Falle. Anderenfalls saßen sie in der warmen Stube.

 

Heute, mehr als 20 Jahre älter geworden, sind sie hierzulande die Stütze der AfD. Ja, besonders Ostdeutschland ist AfD-versifft und genießt die demokratischen Grundrechte, für die sie damals nicht einmal auf die Straße gingen. Andere waren es.

 

Das zur Rubrik Tratsch im Treppenhaus.