Besetzt!

Wieso gewinnt die absurde These, wonach die Bundesrepublik Deutschland noch immer von den Alliierten heimlich beherrscht werde, derzeit an Popularität?

Von Tomasz Konicz

Neues Deutschland 03.03.2018

 

Deutschland ist nicht frei! Es wird von dunklen, angelsächsischen Mächten geknechtet, ist ferngesteuert von einer hinter den Kulissen agierenden Besatzungsmacht, der die deutsche Regierung in Wahrheit dient. Unter all den wirren Obsessionen, mit denen die Neue Deutsche Rechte im Überfluss gesegnet ist, sticht die populäre Besatzungsfantasie durch ihre vollendete Loslösung von der Realität noch hervor. Hier geht Ideologie in bloße Weltanschauung über. Während die Bundesrepublik im Gefolge der Eurokrise mittels Schäubles Spardiktat zur unumstrittenen Führungsmacht Europas aufstieg, während die deutsche und die französische Regierung gerade über eine eigenständige militärische Strategie, mithin über die europäische Bombe verhandeln, gewinnen in den blühenden politischen Wahnräumen zunehmend Ängste vor - zumeist US-amerikanischer - Fremdherrschaft an Boden.

 

Bekanntlich waren es die im Wahlkampf publik gewordenen Wahnvorstellungen der AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel aus einer Quelle, die der »Welt am Sonntag« vorliegen soll, die dieser Besatzungsfantasie zur bundesweiten Prominenz verhalfen. Laut einer E-Mail Weidels, die sie noch vor ihrer AfD-Kandidatur verschickt habe, sei die Bundesrepublik gar nicht souverän, die Regierung bestehe aus - so wörtlich - »Schweinen«, bei denen es sich um »Marionetten« der Siegermächte des Zweiten Weltkrieges handele. Diese, in Gestalt der USA, sollen also immer noch, gewissermaßen hinter den Kulissen, die Bundesrepublik fernsteuern.

 

Diese Besatzungsfantasie ist aber nicht nur in der Neuen Rechten populär, sie ist Teil des weltanschaulichen Schmierstoffs der jungdeutschen Querfronttendenzen. Auch das in offene Regression übergehende sozialdemokratische Urgestein Albrecht Müller, seines Zeichens Chef der einflussreichen »Nachdenkseiten«, hat sich dieser Wahnvorstellung anlässlich der NSA-Abhöraffäre hingegeben. Die Selbstverständlichkeit, dass auch verbündete kapitalistische Staaten untereinander Spionage betreiben, verleitete Müller - unter Verweis auf die Stationierung von US-Truppen in der BRD - zu der Behauptung, dass es »nichts Neues« sei, dass »Deutschland kein souveräner Staat ist«.

 

Seinen Ursprung hat der neudeutsche Besatzungswahn im Milieu der »Reichsbürger«, einer ins Terroristische abdriftenden, sektenartigen Rechtsbewegung, die der Bundesrepublik jegliche Legitimität abspricht und das Deutsche Reich, das nicht untergegangen sein soll, als Hort deutscher Souveränität imaginiert. Diese Besatzungsfantasie ist somit einerseits ein Moment des Verschwörungswahns, dem sich die Rechte allgemein gerne hingibt. Eine hinter den Kulissen agierende Verschwörung von Weltbösewichten wird für alle möglichen Widersprüche und negativ empfundenen Folgen kapitalistischer Vergesellschaftung verantwortlich gemacht. Meistens werden diese irrationalen Reflexe durch Krisenschübe ausgelöst. Weidel sah ja in der wachsenden Zahl der Flüchtlinge einen Akt des Verrats am »deutschen Volk«, der auf Weisung der Alliierten erfolgt sein soll, um »das deutsche Volk klein zu halten« durch »Überfremdung« und »molekularen Bürgerkrieg«.

 

 

Kurzkommentar:

Ach was, der Müller von den nachdenkseiten ist auch bei den Verschwörungsideen aktiv dabei? Nicht verwunderlich, denn bereits seit langer Zeit weise ich immer wieder auf die Nähe der nachdenkseiten zu rechtem Gedankengut.

 

Was macht man nun aber mit den Fans, die all zu gerne auf ihre Nähe zu den nachdenkseiten hinweisen, sie „lehnen sich an“. Nennen wir es einmal so: sie laufen, sich ein Liedchen pfeifend, auf dem rechten Pfad.