Ewiger Ossi, der dem Volk aufs Maul schauen will

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Von Antonie Rietzschel

Uwe Steimle redet gern über den Zustand der Welt: über Krieg und Frieden, über den Russen, den Ami, über Arm und Reich. Im Flur seiner Dresdner Wohnung hat er das perfekte Sinnbild gefunden für all die Verwerfungen dieser Zeit. Es ist das Porträt eines Mannes, mit Bleistift gezeichnet. Sein Bart ist ein wirres Knäuel, der Mund weit aufgerissen. Die weichen Konturen im Gesicht werden von scharfen Strichen durchbohrt. "Man weiß nicht, ob der irre ist oder einfach lacht", sagt Steimle. Der Kabarettist liebt Kunst. Überall hängen und stehen Gemälde, Skizzen, Skulpturen. Doch keines der Werke steckt so voller Widersprüche wie das des Thüringer Künstlers Horst Sakulowski.

 

Das macht die Zeichnung auch zum Sinnbild für die Person Uwe Steimle, 55, die zahlreiche Gegensätze in sich vereint: Steimle wählt die Linke, fabuliert aber in Querfront-Manier gern über das Volk, das angeblich nichts mehr zu sagen habe. Von der Heimat als "unser Gebiet, das schützenswert ist. Das uns gehört." Während sich auf dem Küchentisch Katze Schnurri zusammenrollt, beschwört Steimle die Angst vor einer Zeit, in der Notstandsgesetze erlassen werden. Um sich kurz darauf wieder als "kleener Provinzknaller, der keene Ahnung hat" zu bezeichnen. Steimle stellt die Souveränität Deutschlands infrage, die Öffentlich-Rechtlichen hält er für Propagandamedien. Und das ist der Anlass für das Gespräch. Denn Steimle arbeitet seit vielen Jahren für den MDR. Eine Verbindung, die seit langem Fragen aufwirft.

 

In der Sendung Steimles Welt reist der selbsternannte Volkskundler mit einem alten Wartburg durch die mitteldeutsche Provinz, streift durch das Haus des Schriftstellers Karl May in Radebeul, klöppelt im Vogtland, isst Eierschecke in Freiberg. Den Sendeplatz nutzt der Dresdner auch für die eine oder andere Provokation, trägt mal Putin-Shirt oder freut sich, dass die Flüchtlinge noch nicht in die Idylle der Sächsischen Schweiz vorgedrungen sind.

 

Uneinsichtige Entschuldigung für kritisiertes Interview

Kritiker werfen Steimle schon länger vor, sich nicht von rechten Gruppen zu distanzieren. AfD und Pegida sehen in ihm eine Identifikationsfigur. Darauf angesprochen, sagt Steimle: "Da kann ich doch nix dafür." 2016 trug er ein T-Shirt des rechten Magazins Compact, das schon damals Verschwörungstheorien und Antisemitismus verbreitete. Wohl auch deswegen verlor er im März 2018 die Schirmherrschaft beim Verein "Ökumenische Friedensdekade".

 

Die Liste von Steimles Eskapaden ist lang - doch der MDR hält bis heute an ihm fest. Er sei Satiriker, man dürfe ihn nicht so ernst nehmen, so die Position des Senders. Als Steimle in seiner Sendung suggerierte, in Flüchtlinge hätten hinter den Altar "gekackt", hieß es offiziell, es handle sich um eine Unterhaltungssendung, die versuche dem Volk aufs Maul zu schauen.

 

Die Toleranzgrenze überschritt Steimle vor wenigen Wochen, als er im rechten Blatt Junge Freiheit behauptete, Deutschland sei ein von den USA besetztes Land. Angela Merkel bezeichnete er als Marionette. Den ZDF-Journalisten Claus Kleber verglich er mit einem Moderator des DDR-Staatsfernsehens. Überregionale Medien warfen Steimle vor, rechte Positionen zu verbreiten. Der MDR reagierte mit einem Tweet: Steimles Aussagen seien nicht akzeptabel, schrieb der Sender "Damit stellt er sich gegen alle, die täglich politisch unabhängiges Programm machen."

 

Ein anschließendes Gespräch, unter anderem mit dem Programmdirektor, lief milder ab, als Steimle gedacht hatte. "Ich war überzeugt, dass sie mich rausschmeißen", sagt er. Stattdessen habe er zunächst seine Sicht darstellen können, erklärte, bei den Aussagen handele es sich um satirische Überhöhung. In einer Stellungnahme des Senders heißt es: "Die Vertreter des MDR haben Herrn Steimle zu verstehen gegeben, dass die Kunstform Satire in diesem von Herrn Steimle gewählten Kontext für sie und vermutlich sehr viele andere Leser nicht erkennbar gewesen sei." Man habe mehrfach bekräftigt, dass die Kritik am öffentlich-rechtlichen Rundfunk unangebracht, die pauschale Diskreditierung von Mitarbeitern nicht hinnehmbar sei.

 

Steimle soll sich daraufhin mehrfach entschuldigt haben und versprach, die Sache klarzustellen. Doch ein zweites Interview mit der Jungen Freiheit Anfang Juli geriet zur Medienschelte. Seine Äußerungen seien aus dem Zusammenhang gerissen, als Satiriker habe er die Freiheit der Kunst auf seiner Seite, sagte Steimle. Gleichzeitig lobte er den MDR: "Hier gibt es keine Zensur." Beim Gespräch in seiner Wohnung zeigt er sich wiederum uneinsichtig: "Ich verstehe gar nicht, warum ich mich entschuldigen und rechtfertigen muss."

 

Wie viel Zieschong steckt in Steimle?

Die Causa Steimle bringt den MDR in eine Zwickmühle. Ein Rausschmiss würde nicht nur den Verlust einer quotenstarken Sendung bedeuten. In den Augen der Rechten und Verschwörungstheoretiker wäre Uwe Steimle damit ein Märtyrer. Bei den Zuschauern könnte der Sender an Glaubwürdigkeit verlieren. Der MDR hat sich seit der Wende von der Ostalgie-Schleuder zum Analysten ostdeutscher Verhältnisse entwickelt. Uwe Steimle ist ein prominentes Abbild dieser Verhältnisse.

 

Aufgewachsen in einer Arbeiterfamilie - der Vater Berufsoffizier, die Mutter Mitarbeiterin im Volkseigenen Betrieb Polypack -, lernt Steimle Industrieschmied, ehe er auf die Theaterhochschule geht. Mit der friedlichen Revolution bricht für den Vater eine Welt zusammen, er wird zum Pförtner bei der Bundeswehr degradiert. Nach dem Tod der Mutter begeht er 1992 Suizid.

 

Für Steimle hingegen geht es nach der Wende als Schauspieler und Kabarettist steil nach oben. Sein Rollenprofil: der ewige Ossi. Als Polizeiruf-Kommissar Jens Hinrichs und Honecker-Imitator wird er überregional bekannt. Doch viel relevanter ist seine Figur Günther Zieschong. Den früheren Brigadeoffizier, kariertes Hemd, Krawatte mit Sachsenwappen, blaue Jacke, verkörpert er seit den Neunzigerjahren. Zunächst erzählte Zieschong gern Anekdoten aus der DDR-Zeit. Wie er tschechische Kronen über die Grenze schmuggelte oder versuchte Ziegenlederhandschuhe zu kaufen. "Das war'n Zeiten." Es klang ein bisschen wehmütig.

 

Über die Jahre wurde nicht nur Zieschongs blaue Jacke immer löchriger, der Bauch immer dicker. In die Auftritte mischte sich eine gewisse Traurigkeit. In der Satiresendung Die Anstalt arbeiteten sich westdeutsche Kabarettisten an Zieschong alias Steimle ab, diente er als Projektionsfläche für Ost-Klischees. 2014 brüllte sich Zieschong in einer TV-Sendung des Bayerischen Rundfunks in Rage, über Bundeskanzlerin Angela Merkel, über das System.

 

Zieschong, das ist nun der Sachse, der das Maul aufmacht. Auch beim Thema Flüchtlinge: "Was ich nicht verstehe, die wollen alle hierher - ich will doch och nie zu die. Wenn ich nen Ausländer sehen will, fahr ich dort hin. Früher nannte man so was Urlaub", sagte er in einer MDR-Sendung. Man müsse sich auch nichts vormachen, aufhalten könne man die eh nicht.

 

An Steimles Figur lassen sich Entwicklungen der jüngsten Vergangenheit nachvollziehen: Pegida, die Erfolge der AfD. Günther Zieschong steht für den Wutbürger ostdeutscher Prägung. Die Frage ist, wie viel Zieschong steckt in Steimle. "Ich bin Zieschong", sagt der. Und das klingt dann mal so gar nicht widersprüchlich.