Deutsch-Rechts/Rechts-Deutsch

Rechte und Rechtsextreme schreiben mit Zorn und Eifer das Internet voll - doch ungeübten Lesern könnte es schwerfallen, sie auch zu verstehen. Unser Kolumnist erklärt die wichtigsten Vokabeln.

 

Eine Kolumne von Sascha Lo

http://www.spiegel.de/netzwelt/web/rechte-sprache-deutsch-rechts-rechts-deutsch-a-1221185.html

 

Das Internet! Was es uns alles gebracht hat: lachende Kothaufen-Emoji, ausdruckbare Waffen, Donald Trump. Aber auch Twitter, Facebook und andere soziale Medien, in denen auch Rechte, Rechtsextreme und Absurde intensiv kommunizieren. Das ist allerdings nicht immer zu verstehen, denn sie benutzen dabei Begriffe, deren wahre Bedeutung sich immer weiter von Sprache und Alltag der meisten Menschen entfernt. Abhilfe schafft hier ein Übersetzungsleitfaden: Deutsch-Rechts/Rechts -Deutsch, um zu begreifen, wer da wie und warum im Netz kommuniziert:

 

Merkel

 

In der netzbasierten Subkultur der Rechten und Rechtsextremen steht Merkel für den Teufel. Sie ist zwar an allem Schuld, aber zugleich in quasigöttlicher Weise der Grund für die Existenz und das Erstarken der Rechten. Deshalb enden deren Stoßgebete meist mit "Danke Merkel!", dem Amen der Rechten.

 

Linksextrem

 

Als linksextrem gilt man für Rechte, wenn man Anhänger der bekannten linksextremen Kampfschrift "Grundgesetz" ist.

 

Deutschland

 

In rechten Köpfen existiert Schrödingers Deutschland: Es ist gleichzeitig das allerbeste Land des Universums - aber auch eine unwürdige, schlimme Linkskloake und GmbH. Für Rechte kann "Hört endlich auf, dieses drecksversiffte Land schlechtzureden!" ein sinnvoller Satz sein.

 

Rassismus

 

Gibt es nicht, sagen Rechte, jedenfalls nicht hier. Außer vielleicht gegen weiße Männer, wenn man sie "weiße Männer" nennt. Wenn Nichtweiße widersprechen, müssen sie zum Beweis des vollständig fehlenden Rassismus rassistisch beschimpft werden.

 

Fachkräfte

 

Als Fachkräfte werden Nichtweiße bezeichnet, meist im Kontext von Berichterstattung über Kriminalität. Sarkasmus und die schlichteste Form der Ironie, die Gegenteilformulierung, gehören essenziell zur rechten Sprache. Entsprechend wird hier die Formulierung verballhornt, dass Zuwanderung in Deutschland gebraucht wird, um den Fachkräftemangel auszugleichen. Ähnlich funktioniert "Kulturbereicherer".

 

Goldstücke

 

Ebenso schlicht ironisch abwertend für Nichtweiße verwendet, meist wenn Zuwanderer im Verdacht stehen, Verbrechen verübt zu haben. Basiert wahrscheinlich auf einem verdrehten Martin-Schulz-Ausspruch von Sommer 2016: "Was die Flüchtlinge zu uns bringen, ist wertvoller als Gold.… Es ist der unbeirrbare Glaube an den Traum von Europa." Daraus wurde erst "Flüchtlinge sind wertvoller als Gold" und dann Flüchtlinge als Goldstücke. Diese Form von rechtem Sarkasmus dient der Selbsterregung, weil sich eine ständige kognitive Dissonanz ergibt, die die eigene Wut viel länger trägt als echte Schimpfworte.

 

Lügenpresse

 

Wie "Fake News" bei Trump, so ist auch der Begriff Lügenpresse in erster Linie eine Autosuggestion: Man versetzt sich (und dann andere) mit diesem Wort in die Lage, nur zu glauben, was man glauben möchte. Lügenpresse zu schreiben oder zu schreien funktioniert für Rechte auch als Abwehrzauber gegen ungünstige Entwicklungen der Realität (fehlender Weltuntergang, ausbleibender Bürgerkrieg, mangelndes Chaos). Das wichtigste rechte Grundmuster, die Opferpose, lässt sich mit "Lügenpresse" auf die gesamte Bevölkerung anwenden, die zweifellos heimtückisch belogen wird.

 

Umvolkung (Großer Austausch)

 

Die so bizarre wie überraschend verbreitete Verschwörungstheorie, Angela Merkel habe mit Geld von Soros einen Flüchtlingsstrom nach Deutschland geleitet. Und zwar, um die Deutschen gegen leichter beherrschbare Leute auszutauschen. Weil Logik in rechten Denkuniversen keine Rolle spielt, werden gleichzeitig Deutsche als Esel beschimpft, die alles mit sich machen ließen, zum Beispiel die drei "F" der rechten Apokalypse: Flüchtlinge, Feminismus, Fahrverbote.

 

Political Correctness

 

Merkel der Sprache. Political Correctness ist für Rechte eine Denkfigur, die jedem erlaubt, sich im Alltag in die Opferpose zu werfen: "Mir wird der Mund verboten!". Gegen Political Correctness zu sein, heißt für Rechte, dass sie menschenfeindliche Sprache benutzen wollen, ohne dass ihnen widersprochen werden soll. Rechte nehmen Widerspruch als "Unterdrückung" oder sogar "Verbot" wahr, weil sie die bloße Existenz der Andersartigkeit als Bedrohung begreifen möchten: die Garantie, für immer Opfer zu sein. Der Kampfruf "Political Correctness!" taugt auch als Schutzbeschwörung gegen jedes Nachdenken über Diskriminierung.

 

Finanzelite

 

Juden.

 

Globalisten

 

Juden.

 

Soros

 

Juden.

 

Die neuen Juden

 

Keine Juden. Sondern Rechte und Rechtsextreme selbst, die halluzinieren, sie würden verfolgt wie die Juden von den Nazis. Oder noch schlimmer, denn wer weiß schon, ob das alles stimmt, was die Geschichtsschreibung der Siegermächte usw. usf. Sich selbst als "neue Juden" zu bezeichnen, entspricht der klassischen, rechten Täter-Opfer-Umkehr und ist auf gar nicht mal so interessante Weise zugleich antisemitisch, Holocaust-verharmlosend und maximal weinerlich.

 

Linksfaschisten

 

Rechte vollbringen die gedankliche Akrobatik, zur gleichen Zeit am Dritten Reich "nicht alles schlecht" zu finden - und den Begriff Nazis als ultimative Politabwertung zu verwenden. In dieser Tradition steht das Wort "Linksfaschisten", das von Rechtsextremen für alle Menschen verwendet wird, die sich gegen sie, ihr Weltbild und ihren Hass wehren.

 

Gutmenschen

 

Auch in intellektueller Darreichungsform als "Hypermoralisten" verfügbar, handelt es sich im rechten Sprachgebrauch um Leute, die einen gewissen Mindestanstand im Alltag und Grundrechte für alle Menschen für politische Werte halten. Die Bezeichnung Gutmensch ist eine Schuldabwehr, weil sich Rechte und Rechtsextreme schlecht fühlen, wenn ihr fehlender Anstand im Kontrast zu Nichtrechten so deutlich wird.

 

Linksgrünversifft

 

Selbst die CSU wird von Rechten und Rechtsextremen regelmäßig als "linksgrünversifft" beschimpft. Wer so weit rechts steht, dass er die CSU für links hält, glaubt auch, dass 12 Jahre tausend Jahre lang sein können. Übersetzung: Linksgrünversifft sind Leute, die Massenmord tendenziell eher nicht für eine geeignete Lösung sozialer Probleme halten.

 

Rechte Ecke

 

Sogar selbsterklärte Rechte wehren sich dagegen, "in die rechte Ecke" gestellt zu werden. Denn Rechte und Rechtsextreme haben den Trick entwickelt, sich selbst für die "politische Mitte" zu halten. Deshalb empfinden sie nicht "rechts" als beleidigend, sondern "Ecke". Eigentlich fehlt nur noch die Beschwerde, dass man Nazis nicht immer gleich in die rechte Ecke stellen solle.

 

Remigration

 

Bedeutet ursprünglich Rückwanderung, wird von Rechten aber als Aufforderung verwendet. Remigration ist "Ausländer raus!" für Abiturienten.

 

Grenzöffnung

 

Die Dolchstoßlegende des 21. Jahrhunderts, denn es gab faktisch keine Grenzöffnung. Die meisten deutschen Außengrenzen unterliegen seit den Neunzigerjahren dem Schengener Abkommen, was mehr oder weniger bedeutet, dass sie offen sind. Die Bundesregierung änderte im Herbst 2015 nichts daran, was zur "Grenzöffnung" umgedeutet wird. Der Grund ist psychologischer Natur: Während Nichthandeln naturgemäß schwer greifbar ist, haben aktive Handlungen eindeutige Verursacher (Merkel), die man so einfacher als Schuldige betrachten kann.

 

Flüchtlinge

 

In extremistischen Weltbildern gibt es oft einen einzelnen politischen Kristallisationspunkt, der über alles entscheidet. Bei der evangelikalen Rechten in den USA war es lange die Abtreibung, die als einziges Kriterium für den politischen Kompass betrachtet wurde. Bei Rechten sind es Flüchtlinge und Migranten. Alle anderen Themen sind irrelevant, nachgeordnet oder Zeitverschwendung. Um diese absurde Perspektive aufrechterhalten zu können, verbindet die Rechte sämtliche anderen Themenkomplexe einfach mit Flüchtlingen, mithilfe von Verschwörungstheorien oder konstruierten Vergleichen: Was hätte man mit den X Milliarden für Flüchtlinge für deutsche Obdachlose machen können! Obwohl man selbstredend zugleich Obdachlose verachtet. Für Rechte stellen Flüchtlinge zugleich allergrößte Bedrohung und Existenzberechtigung dar; es ist wie eine Hassliebe, nur ohne Liebe.

 

Schuldkult

 

Antisemitische Reimform in Reinform, die mit einer Begriffsverschiebung beginnt. Da inzwischen die allermeisten Deutschen zu jung sind, um eine unmittelbare Mitschuld an der Nazizeit zu tragen, kann es per Definition nicht um Schuld gehen. Stattdessen müsste es natürlich um Verantwortung gehen, die sehr wohl zum deutschen Erbe gehört. Aber indem diese Verantwortung zunächst als "Schuld" fehlbezeichnet und dann mit dem Begriff "Kult" eine quasireligiöse Irrationalität unterstellt wird, spricht man sich selbst von jeder Verantwortung frei. So "bereinigt" man das eigene Erbe um den "Vogelschiss" (Gauland), um endlich wieder unbeschwert antisemitieren zu können.

 

Volk

 

Volk sind für Rechte nur sie selbst. Plus diejenigen, die so denken wie sie, sich aber trotz ihrer grandiosen Deutschheit nicht trauen, das offen zu sagen (zum Beispiel wegen "Political Correctness"). Volk wird bei Rechten passenderweise völkisch-rassistisch definiert - schwarze, jüdische oder muslimische Menschen gehören natürlich nicht dazu, völlig unabhängig vom Pass. Sich selbst mit dem Volk gleichzusetzen, ist Anzeichen eines kollektiven Narzissmus. All das ist der Grund dafür, dass sie mehr Volksentscheide fordern - denn nur sie wollen entscheiden, und zwar über alles, über alles in der Welt.