Was Anhänger von AfD und Linke eint

Ein Gastbeitrag von Paul Bartmuß, Christian Kretschmer, Tim Niendorf und Sarah Obertreis

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Linke und Rechte als politisches Gegensatzpaar? Datenauswertungen zeigen erstaunliche Gemeinsamkeiten bei den Unterstützern der Linkspartei und der AfD.

 

Sind rechts und links für Wähler noch die Pole der politischen Auseinandersetzung, die sie jahrzehntelang waren? Bei den vergangenen Landtagswahlen jedenfalls zeigte sich, dass viele Anhänger der Linkspartei nun der AfD ihre Stimmen gaben – obwohl diese auf der ganz anderen Seite des politischen Spektrums zu verorten ist. In Mecklenburg-Vorpommern und in Sachsen-Anhalt verlor die Linke im vergangenen Jahr die mit Abstand meisten Wähler an die AfD. Linke-Fraktionschefin Sahra Wagenknecht umwirbt inzwischen öffentlich zur AfD abgewanderte Protestwähler für die Bundestagswahl im September. Sie gab zusammen mit der AfD-Chefin Frauke Petry ein Interview und spaltet ihre Partei mit Stimmungsmache gegen die Aufnahme von Flüchtlingen.

 

 

 

 

 

Umfragen haben bereits gezeigt, dass es Ansichten gibt, die Wähler im linken und im rechten Spektrum teilen: Ihnen gemein ist die Skepsis gegenüber den USA, Offenheit für Russland und die Ablehnung von Freihandel. Aber es sind nicht nur politische Ansichten, die Anhänger von Linkspartei und AfD einen. Die Gemeinsamkeiten gehen tiefer, wie aus Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung hervorgeht. Anhänger von AfD und Die Linke sind verärgerter, sorgenvoller und unzufriedener als jene der politischen Mitte.

 

Die Ähnlichkeit zeigt sich vor allem in den Angaben zur Lebenszufriedenheit. AfD- und Linke-Sympathisanten sind insgesamt deutlich unzufriedener als Menschen, die der SPD, der CDU, der CSU, den Grünen oder der FDP nahestehen. In die gleiche Richtung weisen Faktoren, die das Leben und den Alltag maßgeblich bestimmen: Linke und AfD-Anhänger sind unzufriedener mit der eigenen Wohnung und ihrem Arbeitsplatz – und mit ihrem Schlaf. Doch was bringt Linke und Rechte um den Schlaf?

 

 

 

 

Steffen Meier* ist einer, der linke und rechte Ansichten vertritt, auch wenn der 33-Jährige weder mit der Linken noch mit der AfD etwas anfangen kann. Er denke nicht in politischen Richtungen, sagt er: "Ich hab eine Meinung, ob die jetzt links oder rechts ist, ist mir eigentlich ziemlich glatt."

 

In Meiers Äußerungen kreuzen sich Kernansichten des linken und des rechten Lagers. Ein Phänomen, das der Parteienforscher Gero Neugebauer von der Freien Universität Berlin schon länger beobachtet. Es gebe viele Menschen, die sich als links bezeichnen, weil sie darunter verstehen, dass der Staat in die Wirtschaft intervenieren müsse, sagt er. Gleichzeitig könnten sie aber auch autoritär eingestellt sein oder wollten keine Ausländer im Land haben – was gerade für ostdeutsche Linke-Wähler sehr stark zutreffe. So jemand, erklärt Neugebauer, "das ist einer, der ist dazwischen. Es ist da nicht mehr so einfach zu sagen: Das ist jetzt ein Linker, das ein Rechter."

 

Besorgte Bürger links wie rechts

 

Meier ist beides. Und das in extremem Maße. Er besuchte die Montagsdemonstrationen des heutigen Neonazis und ehemaligen RAF-Terroristen Horst Mahler. Später ging er für Occupy auf die Straße.

 

Der Elektriker träumt von einem Gemeinschaftsleben, in dem die Menschen ihre Habseligkeiten teilen und Geld keine Rolle spielt. Er ist für ein bedingungsloses Grundeinkommen und kann stundenlang über Wirtschaftsbosse und Banker herziehen.

 

 

 

 

Die Daten des SOEP aus dem Jahr 2015 zeigen, dass Sorge um die wirtschaftliche Entwicklung und die wirtschaftliche Zukunft Deutschlands sowohl das linke als auch das rechte Lager umtreiben. Außerdem sind Anhänger am linken und rechten Rand häufiger ängstlich und ärgern sich öfter als Anhänger der politischen Mitte.

 

In ihren Sorgen aber, das wird bei der Auswertung der Sozialdaten deutlich, unterscheiden sich Linke- und AfD-Sympathisanten grundlegend. AfD-Anhänger treibt beispielsweise so stark wie keine andere Gruppe die Entwicklung der Kriminalität und besonders die Zuwanderung um. Linke wiederum sorgen sich mehr als alle anderen um ihren Arbeitsplatz, ihre Gesundheit und über Ausländerfeindlichkeit. Eine Sorge, die wiederum nur wenige AfD-Anhänger umtreibt.

 

Meier kann man wohl gut als besorgten Bürger bezeichnen. Man merkt ihm schnell an, dass er viel an den politischen Rändern stöbert, dass er sich seine Gedanken gemacht hat und die Welt da draußen dann für schlecht und seinen eigenen Mikrokosmos für gut befunden hat. In seinem privaten Kosmos ist Meier eigentlich ganz zufrieden mit seinem Leben: Den Kindern geht es gut, die Ehe ist stabil und die Arbeit bringe ihm genügend Geld ein – manchmal mache sie sogar ein bisschen Spaß. Für ihn sei das Glas immer halb voll, sagt er.

 

Hass auf "die da oben"

 

Die Sorgen um die Wirtschaftslage und der Ärger kommen, wenn Meier im Internet surft und sich dort einem "zunehmenden Informationsfluss" aussetzt, wie er es nennt. Dieser "Informationsfluss" macht aus dem Meier, für den das Glas vorher noch halb voll war, einen Meier, der die Welt am Abgrund sieht: "Geld und die Gier danach vergiften diesen Planeten und die Menschen, die darauf leben. Alles wird geplündert aus Profitgier und dem Streben nach Macht", sagt er.

 

Einer, der die großen Sorgen der Linken und Rechten fast noch besser kennt als seine eigenen, ist Ali Can. Der ehemalige Asylbewerber ist mit einer kostenlosen Hotline für besorgte Bürger deutschlandweit bekannt geworden. Gerade arbeitet er an einem Projekt, das Burschenschaftler und Autonome zu einem offenen Gespräch zusammenbringen soll. Ihm zufolge eint links und rechts vor allem der Hass auf "die da oben", auf die politischen Entscheidungsträger.

 

In den Augen Ali Cans fehlt solchen Menschen das Bewusstsein darüber, wie Politik eigentlich funktioniert. "Die Randgruppen haben den Draht zu gesellschaftlichen Prozessen verloren", sagt er. Beide würden sich nach einer großen Veränderung sehnen.

 

Für Meier wäre die große Veränderung eine "echte Demokratie", in der die Bürger über das Regierungsprogramm abstimmen und "Staatsdiener" wählen würden, die unter Strafandrohung den Wünschen der Wähler folgen müssten. Viel Demokratisches kann der Elektriker am aktuellen System in Deutschland nicht erkennen. Er spricht von "Demokratur".

 

Linke und Rechte eine der Zweifel an der Leistungsfähigkeit der Demokratie, sagt auch Parteiforscher Neugebauer. Als trennendes Element zwischen links und rechts könne manchmal nur noch der Antifaschismus ausgemacht werden. Für einige Linke-Anhänger sei die AfD keine Alternative, weil sie einen "Brückenkopf im Rechtsextremismus" habe.

 

In ihren Wahlprogrammen für die Bundestagswahl 2017 üben beide Parteien ähnliche Kritik am System. So will die AfD eine "Wiederherstellung der Demokratie in Deutschland" erreichen, die Linke endlich "eine Demokratie, in der es etwas zu entscheiden gibt". Beide Parteien sehen die Lösung im direkten Einfluss der Bürger auf politische Entscheidungen – wie Meier.

 

Die Linke gilt als etabliert

 

Wegen ihrer Programmatik gelten AfD und Die Linke als Protestparteien. Diese Rolle hat die Linkspartei, zumindest zwischenzeitlich, im Zuge des immensen Flüchtlingszuzugs in den Augen vieler Wähler verloren.

Viele Wähler haben sich von der Linkspartei abgekehrt, sagt Neugebauer, weil für viele von ihnen die Linke inzwischen zu den etablierten Parteien zählt. In Brandenburg und Thüringen etwa ist sie Teil der Landesregierung und gerade in den neuen Bundesländern zählen sich Neugebauer zufolge viele ihrer Anhänger zu den Abgehängten.

 

Die Ursachen dafür, dass Wähler von links nach rechts wandern, liegen nicht nur bei den politischen Überzeugungen. Es sind Sorgen und Unzufriedenheit, die diese erst begründen.

 

*Name geändert