Pöbeleien, Schreckschusswaffen, Kieferbrüche:

"Die Wurzeln für Rechtsextremismus liegen tief"

 

http://www.huffingtonpost.de/manja-gruhn/poebeleien-schreckschusswaffen-kieferbruche-rechtsextremismus-ostdeutschland-sachsen-bautzen-gewalt_b_16763066.html?utm_hp_ref=germany

 

Die rechtsextreme Gewalt in Deutschland nimmt zu. Vor allem In Ostdeutschland, wie Forscher der Universität Göt­tin­gen herausgefunden haben. Das Fazit ihrer Studie: Rechtsextremismus ist nicht ausschließlich ein ostdeutsches Problem. Doch es werde befördert durch "Faktoren, die in Ostdeutschland stärker ausgeprägt sind".

 

Zwei Sozialarbeiterinnen aus Bautzen berichten, wie erschreckend die Zustände in ihrem Ort mittlerweile sind.

 

Alltagsrassismus ist bittere Realität in Bautzen. Es gibt total viele Vorbehalte. Wenn beispielsweise jemand arabisch spricht, wird diese Mehrsprachigkeit oft einfach nicht ausgehalten. Viele Bautzener denken dann, es würde auf einer anderen Sprache abfällig über sie geredet. Auch mit Hakenkreuzen verschmierte Ortsschilder sind keine Seltenheit.

 

Wer in Bautzen arbeitet und sich in der Pause mit seinen Kollegen unterhält, merkt, dass diejenigen, die positiv über Flüchtlinge denken, lieber still an ihrem Kaffee nippen, als mitzureden. Sie wissen, dass ihre Meinung längst nicht überall gern gehört wird.

 

Ich fürchte sogar: Das alles ist nur die Spitze des Eisbergs.

 

Ich heiße Manja und bin seit fast zehn Jahren Sozialarbeiterin im "Steinhaus", einem Jugendtreffpunkt in Bautzen. Bautzen, das kennen die Leute. Wir sind die Stadt mit dem braunen Gesicht. Der unschöne Fleck im Osten, wo es in der Vergangenheit oft zu rechtsradikalen Ausschreitungen kam.

Die Wurzeln von Rechtsextremismus liegen tief

 

Und ich muss sagen: Die rechtsextreme Szene hat sich hier bedrohlich stark entwickelt. Das sind nicht nur eine Handvoll Jugendlicher, die da aktiv auf den Straßen unterwegs ist. Die Wurzeln liegen viel tiefer.

 

Ich würde sagen, die Bautzener lassen sich in drei Gruppen aufteilen. Da sind die, die sich gegen die Rechten engagieren, die, die nichts sagen und eben die, die zu den Bürgerwehren gehen und in ihrer Meinung rechtspopulistisch bis rechtsextrem sind.

 

Es gibt einen spürbaren Wegzug von Jugendlichen in die größeren Städte wie Leipzig oder Berlin. Die Jungen, die wegziehen, sind meistens diejenigen, die für Weltoffenheit stehen. Die sind dann einfach weg.

 

Die geflüchteten Jugendlichen und ihre Freunde laufen mit Angst durch die Stadt

 

Viele, die bleiben, kommen ins Steinhaus. Unter den 10- bis Anfang 20-jährigen Jugendlichen sind auch viele Flüchtlinge.Denn das Steinhaus ist ein wichtiger Ort in der Stadt. Ein Ort, an dem sie sich wirklich sicher fühlen. Seit der Flüchtlingskrise sind hier viele neue Freundschaften entstanden. Wir haben auch rechtsaffine Jugendliche, die zu uns kommen. Aber weniger als früher. Seitdem Flüchtlingskinder kommen, kommen viele nicht mehr.

 

Die geflüchteten Jugendlichen und die, die mit ihnen befreundet sind, laufen mit einem mulmigen Gefühl und Angst durch die Stadt. Sie fühlen sich nicht sicher.

 

Viele erzählen mir täglich, dass sie schief angeschaut werden, wie unangenehm es für sie ist, durch die Stadt zu gehen. Sie spüren ständig die starrenden Blicke. Egal, ob sie ein Kopftuch tragen, eine andere Hautfarbe haben oder als weiße Deutsche mit Geflüchteten oder Migranten unterwegs sind. Das geht den Jugendlichen total nahe.

 

Viele von ihnen haben bereits rechte Gewalt erlebt. Denn Übergriffe passieren hier oft.

 

Es gibt immer wieder Stress

 

Ich heiße Carolin und arbeite auch im Steinhaus. Einmal habe ich es selbst erlebt, dass während unserer monatlichen Jugend-Disco rechte Jugendliche ums Haus geschlichen sind. Passiert ist dann zum Glück nichts. Aber das gilt auch nur für das Steinhaus. Im Rest der Stadt gibt es immer wieder Stress.

 

Den ersten großen Übergriff habe ich letztes Jahr im April erlebt. Vor einem Supermarkt waren geflüchtete Jugendliche zwischen 14 und 16 Jahren unterwegs und bei ihnen auch 12-jährige deutsche Mädels. Sie alle sind angepöbelt, beleidigt und gewaltsam attackiert worden.

 

In Städten, in denen viele Ausländer sind, interessiert das keinen. Hier fallen sie einfach auf. Das bekommen sie auf übelste Art und Weise zu spüren: Bedrohungen mit Pistolen, Schreckschusswaffen, Kieferbrüche.

 

Wir können nicht mehr tun, außer zuzuhören und zu ermutigen

 

Immer wieder sind wir mit Jugendlichen bei der Polizei, um Anzeige zu erstatten. Das macht mich schon richtig wütend. Und wir können nicht mehr tun, außer zuzuhören und sie zu ermutigen, dass es irgendwie weiter geht. Sie müssen damit klarkommen. Eine andere Wahl haben sie nicht.

 

Sie fragen uns: Warum passiert das mir? Was habe ich Schlimmes gemacht? Warum werde ich mit einer Pistole bedroht? Ich komme aus dem Krieg, ich bin deshalb aus meiner Heimat geflohen. Wie habe ich mich schuldig gemacht? Was mache ich falsch?

 

Solche Fragen stellen sich die Jugendlichen. Wir können ihnen nur antworten: Du machst nichts falsch, es ist nicht deine Schuld, versuch, nicht auf jede Provokation anzuspringen. Versuch, einfach weiter zu laufen.

Aus unserer Sicht müsste mehr passieren, um das zu ändern. Von Politikern, der Polizei, den Bürgern. Unser Oberbürgermeister Alexander Ahrens positioniert sich und tritt an die Öffentlichkeit. Aber viele Stadträte reden die Probleme klein.

 

Insgesamt fehlt es an Klarheit und Konsequenz. Nur Dialogbereitschaft allein bringt uns nicht weiter. Wir brauchen konkrete Projekte, politische Bildung an Schulen. Das dauert alles viel zu lange.

 

Präventiv können wir mit jungen Menschen viel tun. Viele Jugendliche sind ambivalent. Keiner wird als Rechtsextremer geboren. Da versuchen wir, mit unserer Arbeit anzusetzen.

 

Aber es gibt viele Baustellen. Dass sich Jugendliche prügeln, gab es schon immer. Aber inzwischen findet Rechtsextremismus in einer ganz anderen gesellschaftlichen Dimension statt. Die Wurzeln liegen sicher auch bei ihren Eltern.

 

Diejenigen, die in irgendeiner Form Vorurteile gegenüber Geflüchteten und Ausländern haben, verteilen sich Querbeet in der Gesellschaft. Bautzen ist gespalten. Solange es dafür keine Sensibilität gibt, wird sich nichts ändern.

 

Der Text wurde von Uschi Jonas aufgezeichnet.