LÜGEN ALS KRANKHEITSZEICHEN 

Prof. Dr. med. Volker Faust 
 
Arbeitsgemeinschaft Psychosoziale Gesundheit 
 
Pseudologia phantastica: pathologisches Lügen 

 

Lügen – ein unerfreuliches Phänomen im Alltag. Leider nicht so selten, wenn auch aus verschiedenen Gründen, unterschiedlicher Intensität und drohenden Konsequenzen. Daneben gibt es aber auch das Lügen als Krankheitszeichen, Pseudologia phantastica genannt. Ein eigenartiges, auf den ersten Blick schwer durchschaubares Symptom, das vor allem die Ärzteschaft schon seit über 100 Jahren beschäftigt, nebenbei mit ganz unterschiedlichen Interpretationen. Um was handelt es sich? Und wie lässt es sich von Not- und Höflichkeits-Lügen, Hochstapelei, Münchhausen-Syndrom, insbesondere aber der gezielten und bewussten Täuschung unterscheiden? Und wenn es sich um pathologisches Lügen handelt, bei welchen seelischen Störungen ist es hauptsächlich zu erwarten? 
 
Dazu eine kurz gefasste Übersicht, teils historisch, teils was die aktuelle Einschätzung und damit international bindende Klassifikation anbelangt. 
 

Erwähnte Fachbegriffe: 
 
Pseudologia phantastica – Lügen als Krankheitszeichen – pathologisches Lügen – phantastisches Lügen – Mythomanie – pathological lyeng – morbid lyeng – mythomania – Münchhausen-Syndrom – Notlüge – Höflichkeits-Lüge – dauerhaftes intentionales Lügen – Hochstapelei – Ganser-Syndrom – Artifizielle Störung – factitious disorder – Simulation – Narzisstische Persönlichkeitsstörung – Histrionische Persönlichkeitsstörung – Hysterische Persönlichkeitsstörung – Amnestisches Syndrom – Felix Krull-Syndrom – Abstammungsahn – Wahnideen – Erinnerungsfälschungen – selbst-geglaubtes phantastisches Lügen – krankhafte Lügner – krankhafte Schwindler – krankhafte Einbildungskraft – Lügen oder Konfabulation – Lügen oder Gedächtnis-Störungen – Lügen oder Erinnerungs-Störungen – Identitäts-Täuschungen – Geschlechts-Identitätsstörungen – Behandlungs-Möglichkeiten bei Pseudologia phantastica u. a. 

„Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er auch die Wahrheit spricht“. Das ist wohl der bekannteste Sinnspruch aus Volkes Munde, ergänzt durch zahlreiche Aphorismen über die Jahrhunderte hinweg. In der Tat: Lügen ist eine der folgenreichsten charakterlichen Abirrungen (modern: Defizite) in der menschlichen Kommunikation, gleichgültig zu welcher Zeit, in welcher Gesellschaftsstruktur, aus welchem Grund und von wem. 
 
Gleichwohl sei die Lüge an der Tagesordnung. Wenn man „kleinere Schummeleien“ mit einbeziehe, soll sie jeden von uns recht hartnäckig begleiten… Sie wird aber wohl erst ab einer gewissen Intensität und damit schädigenden Folge so richtig negativ wahrgenommen, interpretiert und auch geahndet. Wobei dies sehr individuellen Einschätzungen unterliegt und je nach Umfeld eine mitunter ganz erstaunliche Toleranz-Breite aufweist. Allerdings hat dies letztlich auch seine Grenzen, mal weiter, mal enger, sicherlich je nach persönlicher Betroffenheit, auf jeden Fall aber wenn ein bestimmter „menschlich infamer“ oder wirtschaftlich folgenreicher oder gar krimineller Grad erreicht ist, über den man dann nicht mehr einfach hinweggehen kann. 
 
Einzelheiten dazu, vor allem was die kriminologischen und im Rahmen dieser Ausführungen forensischen (psychiatrisch-rechtlichen) Fälle anbelangt, siehe die einzelnen Kapitel in dieser Serie. Konkret beispielsweise der Beitrag über Betrüger (Verführen, Belügen, Manipulieren aus psychologischer Sicht), ferner Persönlichkeitsstörungen, insbesondere die Antisozialen/Dissozialen Persönlichkeitsstörungen, vor allem aber das Böse aus psychiatrischer Sicht in zwei Teilen, sowie zumindest indirekt Kapitel über Borderline-Persönlichkeitsstörungen, Fanatismus, Ganser-Syndrom, Gewaltverbrecher, Hypochondrie, Hysterie, dissoziative Identitätsstörungen, Narzissmus(!), wahnhafte Persönlichkeitsstörungen, Querulanz, Stalking, vorgetäuschte Gesundheitsstörungen sowie Vortäuschung einer Gesundheitsstörung (was nicht dasselbe ist – siehe die entsprechenden Kapitel) u.a.m. Man sieht: Die Lüge hat auch in der Wissenschaft einen großen Stellenwert; das Interesse scheint sogar zuzunehmen. 
 
Nun muss man allerdings unterscheiden zwischen der „gemeinen Lüge“ (und zwar als wertender Begriff, aber auch wissenschaftlich gesehen) im Alltag unter offensichtlich seelisch Gesunden sowie der krankhaften Lüge, also Lügen als Symptom, wissenschaftlich seit über hundert Jahren als Pseudologia phantastica bezeichnet. 
 
Dieser Begriff taucht in einer ganzen Reihe von Kapitel dieser Serie auf, sogar dort, wo es sich eigentlich um die „unterlaufene Wahrheit“ handelt. Mehr und mehr wird dieser Begriff auch in der Allgemeinheit verwendet, wobei sich die meisten über den wissenschaftlichen und klinischen Hintergrund gar nicht im Klaren sein dürften. Damit sind sie übrigens in guter Gesellschaft, selbst die dafür zuständigen Experten betreffend, nämlich Nervenärzte, Psychiater und Psychologen. Einzig die forensischen Psychiater dürften hier ohne großes Nachdenken gezielt und fundiert Auskunft geben können, ist es doch (fast) ihr tägliches Brot in der Beurteilung und damit Diagnose und ggf. Therapie psychisch kranker Rechtsbrecher. 
 
Nachfolgend deshalb eine kurz gefasste Übersicht zum Thema Pseudologia phantastica, basierend auf dem aufschlussreichen Fachbeitrag von Frau Professor Dr. Petra Garlipp von der Klinik für Psychiatrie, Sozialpsychiatrie und Psychotherapie der Medizinischen Hochschule Hannover in der Fachzeitschrift Nervenheilkunde (Pseudologia phantastica – Lügen als Symptom. Nervenheilkunde 10 (2011) 823). Im Einzelnen: 
 
 
Begriff 
 
Der Fachbegriff Pseudologia phantastica kommt durchgehend aus dem griech.: pseud(o) – im Sinne von falsch, unecht, unwahr, Lügen-, Schein-, kurz: Pseudo-; ferner logos = Sprechen, Wort, Rede. Sowie phantasia = Sichtbarwerden, Erscheinung, Vorstellung, Einbildung. 
 
Der Begriff Pseudologia phantastica wurde erstmals von Professor Dr. A. Delbrück 1871 in seiner Schrift über die „pathologische Lüge und die psychisch abnormen Schwindler“ geprägt, erschienen im Verlag von Ferdinand Enke (Stuttgart) mit dem bezeichnenden Titel: Die pathologische Lüge und die psychisch abnormen Schwindler. Eine Untersuchung über den allmählichen Übergang eines normalen psychologischen Vorgangs in ein pathologisches Symptom. Weitere Einzelheiten siehe unten.  
 

Definition 
 
Schon die Definitions-Beispiele lassen – trotz eines festen inhaltlichen Kerns – eine gewisse Bandbreite erkennen:  
 
– Das allseits anerkannte Lexikon Psychiatrie/Psychotherapie/Medizinische Psychologie von U. H. Peters (Urban & Fischer, 2007) definiert die Pseudologia phantastica als phantastisches Lügen. Im medizinischen, vor allem psychiatrischen Alltag geht es dabei vor allem um geltungsbedürftige Psychopathen.  
 
Die Bezeichnung bedeutet etwa dasselbe wie Mythomanie und die besagt: krankhafte Neigung, die Wahrheit zu verfälschen, zu lügen oder erfundene Geschichten zu erzählen. Bei Kindern bis zu einem gewissen Grad physiologisch („der Natur entsprechend und damit nachvollziehbar“), da noch nicht sicher zwischen Wirklichkeit und Phantasie unterschieden werden kann. Bei Erwachsenen entweder als harmlose Ausschmückung von Geschichten mit vielen erfundenen Details, die dem jeweiligen Publikum angepasst werden. Oder als freie Erfindungen, die teils dem Geltungsbedürfnis, teils bestimmten Absichten (z. B. Beschuldigung sexueller Angriffe) dienen. 
 
In jedem Falle ist der Erzähler wenigstens teilweise von der Realität der erzählten Begebenheiten überzeugt. 
 
Inhaltlich handelt es sich um einen Kern realer Begebenheiten, der nach Art der Mythen mit Wunsch-Erfüllungen ausgeschmückt wird, durch die die unangenehme Realität abgeleugnet werden soll. (Mythen: überlieferte Sagen, Dichtungen u. ä. aus der Vor- und Frühzeit eines Volkes, später auch LegendenBildung um eine Person, eine Sache oder ein Ereignis.) 
 
Psychoanalytisch gesehen handelt es sich um einen Abwehr-Mechanismus, wobei die Geschichten den Teil der Realität, der geleugnet werden soll, mit enthalten (nach H. Deutsch, 1922, zitiert nach U.H. Peters, s. o.).  
 
– Im Pschyrembel: Psychiatrie-Klinische Psychologie-Psychotherapie (Verlag Walter de Gruyter, Berlin-New York 2009) wird die Pseudologia phantastica wie folgt definiert: Erzählen ausgedachter Erlebnisse als wahre Begebenheiten, wobei der unwahre Gehalt vom Erzählenden in der Regel nicht mehr realisiert wird (im Gegensatz zur beabsichtigten Lüge). Vorkommen: vor allem in Folge von Abwehr bzw. Kompensation eines Selbstwert-Mangels, seltener aus übertriebener Phantasie und starkem Geltungsbedürfnis, z. B. beim Münchhausen-Syndrom. Auch bei neuro-psychiatrischen Störungen wie dem Korsakow-Syndrom als chronischer Folgezustand einer nicht erfolgreich behandelten Wernicke-Encephalopathie. Einzelheiten siehe die entsprechende Fachliteratur. 
 
 
Vom Alltags-Phänomen in der menschlichen Kommunikation bis zum Symptom 
 
Über die einleitend erwähnten Definitionen und die später nachfolgenden Vorschläge aus der Geschichte der Pseudologie und ihrer Charakteristika hinaus gibt nun Frau Professor Dr. P. Garlipp in ihrem Beitrag Folgendes zu bedenken: 
 
Lügen – das müssen wir uns eingestehen, ob es uns zusagt oder nicht –, sind ein Teil menschlicher Kommunikation. Das beginnt mit dem phantasierenden Lügen von Kindern als normalem Entwicklungsschritt, einschließlich der Lust zum Wachträumen, zur Ausmalung einer unwirklichen Lebenslage oder zur spielerischer Nachahmung, was eine Eigentümlichkeit der Kinderjahre darstellt, wie schon vor rund hundert Jahren einer der bedeutendsten  Psychiater, nämlich Professor Dr. E. Kraepelin in seinem Lehrbuch beschrieb (1915). 
 
In der Tat werden Lügen durch Gefühle wie Angst und Scham (z. B. Notlüge) ausgelöst; oder aus Höflichkeit, um nicht zu verletzen, aber auch mit der Neigung zur subjektiven Vorteilsnahme und Manipulation anderer. 
 
Wie sind aber nun die Grenzen zwischen „Lügen als normal-psychologischem Phänomen“ sowie „dauerhaftem intentionalen Lügen“, z. B. Hochstapelei und „pathologischem Lügen“ (z. B. Pseudologie) zu werten bzw. zu definieren? Ist es überhaupt nötig bei einem solchen Phänomen von alltags-relevanter Bedeutung? 
 
Ja, gibt Frau Professor Garlipp zu bedenken, man sollte dem Lügen im Grenzbereich wieder mehr Beachtung zuwenden. Dies insbesondere dann, wenn man sich die gesellschaftliche  Entwicklung unserer Zeit vor Augen hält, sprich – provokativ formuliert – das egozentrierte, narzisstische Ideal des Individualisten, bei dem das Lügen als Mittel zum Zweck salonfähig geworden ist. 
 
Gewiss: Die Hochstapler sind „nur“ eine Extrem-Variante unserer Zeit, die aber immer mehr Raum greift und damit Schaden anrichtet, zu Lasten von uns   allen. Man denke nur an den Finanzmarkt und die gewissenlosen Konstruktionen phantastischer Lügenmärchen, mit denen (meist zugegebenermaßen arglose bis naive) Mitbürger gezielt und oft erfolgreich manipuliert werden, sehr zu ihrem Nachteil. Kurz: Schon das „grenzwertige Normale“ gewinnt einen wachsenden und damit folgenreichen Stellenwert. 
 
Wie steht es aber nun um krankhafte Lügner? Auch sie können bei selbst klugen und erfahrenen Menschen Erfolg haben, die ganz unbegreiflich erscheinen, so die Experten. Es gelingt ihnen Geld auf Grund der unwahrscheinlichsten Behauptungen zu erhalten, wenn sie nur mit der nötigen Überzeugungskraft auftreten. Dabei kann es um geradezu hirn-rissige (auf jeden Fall unmögliche) Angebote gehen, die eigentlich nur Heiterkeit auslösen müssten – aber eben nur müssten; ein Opfer findet sich scheinbar immer wieder, wie die Psychiaterin aus eigener klinischer Erfahrung zu berichten weiß. 
 
Deshalb: Was wissen die Experten über die Pseudologia phantastica? Wie häufig ist sie? Was steckt psychopathologisch dahinter? Wie sollte man ihr begegnen? Dazu aus dem besagten Artikel: 
 
 

Zur Diagnose und Differentialdiagnose der Pseudologia phantastica 
 
Tatsächlich existiert nur eine überschaubare (um nicht zu sagen erstaunlich geringe) psychiatrische Fach-Literatur zum Phänomen der Pseudologia phantastica (engl.: pseudologia fantastica, pathological lyeng, morbid lyeng, mythomania). 
 
Darin wird auch gleich ein zweiter Aspekt deutlich: Über die Häufigkeit pathologischen Lügens im Alltag gibt es kaum entsprechendes Zahlenmaterial (Ausnahmen s. u.). In der Tat wird es klinisch (d. h. im psychiatrischen Alltag von Praxis, Ambulanz und Station) nur selten diagnostiziert. Das hängt auch mit den ton-angebenden internationalen Institutionen zusammen, die in so genannten Consensus-Gremien darüber entscheiden, ob ein Symptom (Krankheitszeichen), Syndrom (Gruppe verschiedener, mehr oder weniger zusammenhängender Symptome), eine Störung oder ein Krankheitsbild noch zeitgemäß und entsprechend diagnostisch und klassifikatorisch empfohlen werden kann bzw. sogar bindend ist. Und hier ist die Pseudologia phantastica als selbstständiges Phänomen praktisch verschwunden. Das gilt sowohl für die Internationale Klassifikation psychischer Störungen – ICD-10 der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als auch für das in vielem noch „entscheidungsfreudiger“ vorgehende Diagnostische und Statistische Manual Psychischer Störungen – DSM-IV-TR der Amerikanischen Psychiatrischen Vereinigung (APA). Einzelheiten siehe unten. 

 
Tatsächlich wird die Pseudologia phantastica nicht mehr explizit definiert, sondern soll beispielsweise im ICD-10 am ehesten unter der narzisstischen Persönlichkeitsstörung klassifiziert werden. Damit verschwindet sie als eigenständiges psychopathologisches Phänomen praktisch aus dem Gesichtskreis der Psychiater, also jener Gruppe von Medizinern, die noch am ehesten mit solchen Phänomenen konfrontiert werden. Und wenn, dann sind es die schon erwähnten forensischen Psychiater, die sich allerdings (und glücklicherweise) mit einem überschaubaren Klienten-Kreis beschäftigen müssen (siehe der psychisch kranke Rechtsbrecher in den verschiedenen Beiträgen dieser Serie). 
 
Außerdem: Selbst diejenigen, denen das Symptom der Pseudologia phantastica gegenwärtig ist, geben in der psychiatrischen Anamnese- und Befunderhebung (Vorgeschichte und konkrete Untersuchung) dem selbst grenzwertig „fabulierenden“ Patienten einen Glaubwürdigkeits-Vorschuss. Erst wenn sich bestimmte Inkonsistenzen (letztlich Widersprüche, die aufhorchen lassen) in Biographie (Lebensbeschreibung, Lebensgeschichte eines Menschen) und Alltagsverhalten aufdrängen, wird auch an das pathologische Lügen gedacht. 
 
Zuvor allerdings, wie erwähnt und dies ziemlich lange, hält man sich mit einer solchen Diagnose erst einmal zurück. Denn wenn es sich nicht gerade um einen berühmten und literarisch dazu noch ergiebigen Pseudologen handelt wie z. B. Karl May mit seiner blühenden Phantasie und damit erfolgreichen Romanen („Ich spreche 1.200 Sprachen!“), der es nicht so geschickt anstellte wie Goethe, der wenigstens von „Dichtung und Wahrheit“ sprach, dann muss man als Arzt auch differentialdiagnostisch tätig werden. Das heißt: Pseudologie  oder Wahn oder Wahn-Erinnerung oder Simulation oder Konfabulation oder Münchhausen-Syndrom (s. u.) oder Ganser-Syndrom oder Hochstapelei oder – ein wenig anders gelagert – Felix Krull-Syndrom oder, oder? 
 
Kurz: Ein ernsthaft vorgehender Fachmann könnte es sich leichter machen. Wenn er aber seinen Auftrag sorgfältig wahrnimmt, dann gilt es einige differentialdiagnostische Überlegungen durchzuspielen, und das kann mühsam werden. Einzelheiten dazu siehe nachfolgende Tabelle, wie sie Frau Professor P. Garlipp in ihrem Fachbeitrag zitiert: 

 

 

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