Dunja Hayali auf Facebook

 

* Sie können ihre eigene Meinung haben, nicht aber ihre eigenen Fakten *

 

Wer hat eigentlich mit diesem Quatsch angefangen? Wer hat damit angefangen zu behaupten, dass wir beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen morgens auf Anweisungen „von ganz oben“ warten, bevor wir auf Sendung gehen? Glauben Sie ernsthaft, dass sich das verheimlichen ließe?

 

Ich habe gute Gründe, warum ich beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen arbeite: Unabhängigkeit, Zuverlässigkeit, Professionalität. Lügen gehört definitiv nicht dazu. ARD und ZDF sind weder Staatsrundfunk, noch sind meine KollegInnen politisch „gesteuert“. Das gab es mal im Dritten Reich. Da durfte niemand Journalist werden, der nicht eine Gesinnungsprüfung durchlaufen hat und stramm auf Kurs war. Da gab es nur eine(!) Meinung, und wer die nicht vertreten hat, wurde politisch verfolgt und kam ins Lager. Gerade deswegen empört es mich so, dass es Leute gibt, die uns unterstellen zu lügen und zu fälschen. Mit welchem Ziel? Deutschland zu zerstören, wie manche behaupten? Was hätten wir davon? Das ergibt doch überhaupt keinen Sinn.

 

Es gibt hier in Deutschland Zeitungen, Zeitschriften und Internetportale für alle Richtungen und Strömungen. Ob „Junge Freiheit“ oder „linksalternative taz. die tageszeitung“, die linksliberale Süddeutsche Zeitung, die konservativere FAZ.NET - Frankfurter Allgemeine Zeitung oder die emotionsgeladene Bild-Zeitung. Wir haben die Wahl. SIE haben die Wahl. Da die öffentlich-rechtlichen Sender jedoch durch Gebührengelder von fast jedem dieses Landes finanziert werden, guckt man bei uns ganz genau hin. Zu Recht. Wir müssen in unseren Einzelteilen des Gesamtprogramms pluralistisch sein, also jede relevante Meinung wiedergeben und ein Spiegel der politischen Stimmungen sein und jederzeit fair und ausgewogen berichten.

 

Es ist ein anspruchsvoller Beruf, denn was heißt ausgewogen, was heißt fair? Wer legt das fest? Werden alle gleich behandelt? Bekommen z.B. alle Parteien dieselbe Aufmerksamkeit? Haben die mit den größten Skandalen automatisch auch am meisten Chance auf Berichterstattung?

Was ist überflüssige Verlautbarung? Und was ist Chronistenpflicht? Jeden Tag, jede Stunde, im Grunde treffen wir jede Minute eine Entscheidung nach solchen Kriterien wie Relevanz, Nutzwert und Neuigkeitswert.

 

Wir versuchen jeden Tag, unserer Verantwortung für diese Gesellschaft gerecht zu werden. Und wir nehmen uns in unserer Funktion auch das Recht heraus, in den Momenten, in denen es nötig ist, schonungslos zu sein und die Dinge beim Namen zu nennen. Das geschieht immer auf der Basis einer professionellen Berufsauffassung, zu deren Grundlagen es gehört, beide Seiten zu Wort kommen zu lassen. Wir stellen Fragen. Das ist unser Beruf. Wir geben keine Antworten vor.

 

Das, was zählt, sind Fakten. Der Inhalt. Die Information. Aber allein die Einordnung, die Interpretation derselbigen ist doch schon subjektiv. Allein die Auswahl, die Gewichtung von Nachrichten ist subjektiv.

Wir sind nun mal Menschen in diesem Beruf. Deshalb kann auch keiner von uns objektiv sein. Neutral - ja, unabhängig - ja, objektiv - nein.

 

Wir alle sind geprägt, wir alle haben eine Sozialisation hinter uns und auch wir leben in unseren kleinen Blasen. Unser Job ist es aber, sich das immer wieder vor Augen zu führen, sich seinen eigenen Vorurteilen zu stellen, sich selbst zu hinterfragen, die Blase zum platzen zu bringen und den Perspektivwechsel zu wagen. Wir müssen versuchen, wahrhaftig zu sein. Und wir müssen Meinung bzw. Kommentare kennzeichnen und sie von Berichterstattung trennen.

 

Journalisten machen natürlich auch Fehler. Wir verwechseln Zahlen. Wir sprechen Gesprächspartner mit dem falschen Namen an. Wir interpretieren ein Bild falsch. Wir ordnen einen Film einem anderen Sachverhalt zu. Wir übernehmen ein unvollständiges Zitat. Wir vertrauen der falschen Quelle. Das passiert. Dafür kann man sich entschuldigen. Wir stellen das richtig. Wir korrigieren Fehler. Fehler sind keine Fake-News. Fake-News werden mit Absicht gesetzt. Ein Riesenunterschied.

 

Wir Journalisten sind nicht dazu da, Ihnen ihr Weltbild zu spiegeln oder zu bestätigen. Wir sind da, um zu zeigen, was ist und manchmal auch um zu zeigen, was nicht ist bzw. sein könnte. Wir ordnen ein. Wir hinterfragen. Es geht um die Sache. Um den Erkenntnisgewinn.

 

Viele meiner Kollegen stehen genau für diese unabhängige journalistische Arbeit ein und ich, hier kann ich nur für mich sprechen und versprechen, ich werde es auch weiterhin tun. Das ist die DNA des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Wir lassen uns auch nicht davon irritieren, dass genau die Menschen, die Meinungsfreiheit rufen, Ihnen und uns unsere Meinungsfreiheit absprechen wollen. Demokratie braucht Pressefreiheit. Demokratie braucht Streit um den richtigen Weg.

 

"Ich verachte Ihre Meinung, aber ich gäbe mein Leben dafür, dass Sie sie sagen dürfen." (Evelyn Beatrice Hall, die Biografin von Voltaire.)