Zwischen Bürgergespräch und Brandanschlag

Von Sarah Ulrich

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In der sächsischen Kleinstadt Wurzen häufen sich seit den Neunzigern rassistische Angriffe. Der Bürgermeister wehrt sich: "Rechte spielen hier keine Rolle."

 

Als es am Freitagabend in anderen deutschen Kleinstädten dunkel wird, wird es in Wurzen braun. Hier im Muldental in Sachsen versammeln sich sechzig Menschen zwischen Fachwerkhäusern und einem steinernen Brunnen, der an Joachim Ringelnatz erinnert. "Ausländer raus!", grölen sie und: "Deutschland den Deutschen!" Die Polizei dokumentiert verfassungsfeindliche Symbole, viele hatten Alkohol getrunken, Beobachter sprechen von einer "beängstigenden Lage". Schon in den neunziger Jahren galt Wurzen als national befreite Zone, so nennen Rechtsextreme ihre Milieus. Heute folgen die Versammelten einem Aufruf im Internet. Sie wollen zeigen, dass ihnen "die Straßen der Stadt gehören".

Damit spielen sie auf einen jüngeren Vorfall in der nahegelegenen Wenceslaigasse an. Anfang Juli hatte es dort eine Schlägerei gegeben. Eine Gruppe aus fünf jungen Geflüchteten hörte laut Musik, daraufhin pöbelten Anwohner sie rassistisch an. Die Männer wehrten sich: Es sei ihre Straße und sie könnten tun und lassen, was sie wollten. Daraufhin schlugen beide Seiten aufeinander ein, am Ende wurden aber nur die Geflüchteten festgenommen und erhielten eine Anzeige wegen Körperverletzung. Damit waren die Täter klar, die rechte Szene war angestachelt.

 

Auch zuvor hatte der 17.000-Einwohner-Ort Schlagzeilen gemacht. Bundesweit wurde ein Fall in der Pestalozzischule bekannt. Ende 2015 hatten Schüler ein Flüchtlingsmädchen gequält und verletzt. Sie hatten die Neunjährige bespuckt, geschubst, mit Steinen beworfen und in einer Tür eingequetscht, bis ihr Arm brach.

 

Seitdem haben die Übergriffe in Wurzen laut der Regionalen Arbeitsstelle für Bildung, Integration und Demokratie Sachsen (RAA) sogar noch zugenommen. Ähnliches beobachten die Betreiber von chronik.LE. Die Plattform dokumentiert sechzehn Fälle allein in den vergangenen eineinhalb Jahren. "Rassistische Zusammenrottungen und Gewalt gegen Geflüchtete in ihrem Wohnumfeld sind in Wurzen leider keine Seltenheit", sagt chronik.LE-Sprecher Steven Hummel.

 

"Wurzen ist definitiv eine Schwerpunktregion, sowohl in Qualität als auch Quantität der Übergriffe", sagt auch Lena Nowak. Sie berät für die RAA Opfer rechter Gewalt. Diese berichten von eingeschmissenen Fensterscheiben, Brandanschlägen, körperlichen Angriffen auf offener Straße und Alltagsrassismus. Die meisten wollen laut Nowak aus Wurzen wegziehen – aus Angst, auf die Straße zu gehen. "Die Leute werden bespuckt und bepöbelt", sagt Nowak. Inzwischen gibt das Ausländeramt sogar die Anweisung, Geflüchtete in Wurzen nicht mehr in Erdgeschosswohnungen unterzubringen.

 

Organisierte Neonaziszene

Wegen all dieser Fälle rief das bundesweite antifaschistische Bündnis Irgendwo in Deutschland Wurzen als Ort seiner jährlichen Demonstration aus. Vergangenes Jahr fand sie in Zwickau statt, dort war 2011 der NSU aufgeflogen. Dieses Jahr wolle man an einen Ort fahren, "der exemplarisch für die rassistische Normalität in Sachsen steht".

 

"Es ist doch kein Wurzener Problem, sondern ein generelles", sagt Oberbürgermeister Jörg Röglin. Der Parteilose empfindet die Vorwürfe gegen seine Stadt als Affront. Natürlich gebe es Probleme mit Rassismus, aber dagegen tue man viel. Die Stadt setzt Zeichen durch Stolpersteinverlegungen und Bürgergespräche, bringt alle Flüchtlinge in eigenen Wohnungen unter statt in einem Wohnheim. "Dass wir mit der Arbeit, die wir tun, nicht innerhalb kurzer Zeit die Probleme aus der Welt schaffen können, liegt auch auf der Hand", sagt Röglin. 

 

Die Stadtsprecherin Cornelia Hanspach pflichtet ihm bei. "Die Wurzner haben ja nichts gegen die Botschaft dieser Demo, sondern einfach das Empfinden, dass gar nicht registriert wird, was wir machen", sagt Hanspach. Dabei mache die Stadt ganz viel, jeden Tag, "nur eben nicht auf der Straße, sondern in der Nachbarschaft". Hanspach selbst engagiert sich ehrenamtlich für Geflüchtete, das Thema wühlt sie sichtlich auf. "Der überwiegende Teil der Wurzner Bevölkerung ist demokratisch", betont sie. Viele würden in Kleiderkammern helfen oder Bürgerfrühstücke und Nachbarschaftstreffen mit Flüchtlingen organisieren.

 

Demonstration ist der Stadt zu plakativ

Aber ist es tatsächlich ein Engagement gegen Rassismus, wenn man Flüchtlingen hilft? Antifaschistische Kreise werfen der Stadt vor, mit der Flüchtlingshilfe lediglich Imagepflege zu betreiben, das eigentliche Problem aber nicht anzugehen: die organisierte Neonaziszene. Diese sei seit Jahrzehnten in Wurzen verankert. "Niemand kann leugnen, dass es eine starke militante Neonazistruktur gibt, die sich seit den neunziger Jahren stabilisiert hat", sagt RAA-Beraterin Nowak. Neben einer Außenstelle des rechten Onlineversandes Front Records sind auch bekannte und teils verurteilte Neonazis in Wurzen wohnhaft. Mindestens acht Personen aus Wurzen waren im Januar 2016 an dem gewaltvollen rechten Angriff auf den Leipziger Stadtteil Connewitz beteiligt, darunter ein langjähriger Wurzener NPD-Stadtrat, der viele Jahre im lokalen Fußballverein spielte.

 

Ingo Stange vom Netzwerk Demokratische Kultur kennt die Neonazistrukturen. Seit Jahren versucht der lokale Verein, den Rassismus in Wurzen öffentlich zu machen. Ein Problem ist laut Stange, dass es in Wurzen zwar kaum noch große Organisationen wie die NPD gebe. Die Gesinnung aber bliebe. "Vieles ist einfach spruchreif geworden", sagt Stange. In Kneipen wie in Supermärkten, aber auch in Schulen würden rassistische Äußerungen verbreitet oder zumindest häufig geduldet.

 

"Was soll denn die Stadt gegen die Nazis tun? Sie der Stadt verweisen?", fragt die Stadtsprecherin Hanspach. Bürgermeister Röglin sagt: "Natürlich sind diese Leute da. Aber wir können nur mit ihnen umgehen, indem wir ihnen Gesprächsangebote bereiten." Man müsse vor allem Mitläufer erreichen. "Über die Hardcoreextremisten brauchen wir nicht nachdenken", so Röglin. "Die Rechten spielen hier keine Rolle." Eine Demonstration sei den Vertretern der Stadt zu plakativ, "aber die Leute können gerne herkommen und uns unterstützen, wir können jede Hilfe gebrauchen", sagt Hanspach. Für die Opferberaterin Nowak ist indes klar, dass die Stadt das Problem nicht einfach so klären kann. Man müsse sich dem Rechtsextremismus stellen. "Ich weiß nicht, welche Klientel Anfang September kommen wird. Aber ich weiß, dass die Gewalt bereits in Wurzen ist. Und sie geht von den Einheimischen aus."