Er ist wieder da

Von Lisa Nienhaus

 

http://www.zeit.de/2017/05/karl-marx-kapitalismus-probleme-rechtspopulismus-ungleichheit

 

Karl Marx sah die Probleme des Kapitalismus vorher, die heute die Rechtspopulisten befeuern. Was wir von ihm lernen können.

 

Wäre Karl Marx ein Mann von heute, er müsste nicht viel an sich ändern. Sein Haar und sein Bart könnten so bleiben. Noch ein Jutebeutel am Handgelenk, und er würde in Berlin-Mitte gar nicht auffallen. Seine Familienverhältnisse – verheiratet erst nach siebenjähriger Beziehung, zu mehreren ehelichen Kindern kam noch ein uneheliches dazu – gehen als modernes Patchwork-Modell durch. Und der Satz, mit dem er seine Anhänger verspottete, ist sogar sehr aktuell: "Alles, was ich weiß, ist, dass ich kein ›Marxist‹ bin!" Damit liegt er im Trend – wer ist heute schon noch Marxist?

 

Vergesst die Marxisten, lest Marx! Denn der ist modern. Studenten der Wirtschaft und der Politik debattieren über ihn, eingefleischte Liberale bewundern seine Prognose-Fähigkeiten. Das liegt an den Problemen der Gegenwart, die 150 Jahre nach Erscheinen seines Buchs Das Kapital genau seine Themen sind. Es ging ihm um die Ungleichheit, die der Kapitalismus erzeugen kann, um die Ausbeutung ganz unten in der Gesellschaft und die Exzesse ganz oben.

 

Marx erkannte aber auch das Potenzial unseres Wirtschaftssystems, alte Machtstrukturen aufzubrechen. Dessen Siegeszug in der ganzen Welt sah er vorher. Der Kapitalismus war für Marx eine gigantische Kraft, eine Möglichkeit, die Welt insgesamt reicher zu machen. Die Globalisierung war die Methode, um diese Entwicklung noch zu beschleunigen. Die Bourgeoisie, so schrieb Marx im Kommunistischen Manifest, habe eine scharfe Waffe: die günstigen Preise ihrer Waren. Sie seien "die schwere Artillerie, mit der sie alle chinesischen Mauern in den Grund schießt, mit der sie den hartnäckigsten Fremdenhass der Barbaren zur Kapitulation zwingt".

 

Die kriegerischen Metaphern zeigen, dass Marx diese Entwicklung nicht begrüßte. Er freute sich zwar über die Zerstörung alter Machtstrukturen. Doch er sah auch die Härten des Kapitalismus. Der erzeuge zwar wahnsinnige Reichtümer, verteile diese aber ungerecht. Die Reichen werden reicher, die Armen ärmer. Die Ungleichheit steigt.

 

Ganz so ist es nicht gekommen. Kapitalismus und Globalisierung haben im Verlaufe der vergangenen 150 Jahre viele Menschen reicher gemacht, nicht nur Kapitalisten, sondern auch Arbeiter. Trotzdem ist die Marxsche Kritik hochaktuell. Was der Westen heute als die Nachteile seines Wirtschaftssystems erkennt, sind die von Marx genannten Folgen: wachsende Ungleichheit (vor allem in den angelsächsischen Ländern, weniger in Deutschland), Lohndruck auf die einfachen Arbeiter durch die Globalisierung (vor allem im Westen), Konzentration der Gewinne bei den Reichen und Effizienzdruck auf alle Beschäftigten.

 

Wie es dazu kam, erklärt Marx viel besser als die Politiker der Neurechten, die sich heute als Helden der Arbeiterklasse aufspielen. Die Behauptung des amerikanischen Präsidenten, sein Land sei über Jahre von anderen Ländern systematisch ausgebeutet worden, würde Marx ganz sicher nicht teilen. Mit etwas Glück würde er Donald Trump einen "breitmäuligen Faselhans" nennen – eines der vielen Schimpfwörter, mit denen er in den Fußnoten seines Werks seine Kritiker bedachte. Und Trumps Lösung, nun Handelsabkommen zu kündigen und Strafzölle zu erheben, würde Marx belächeln. Schließlich hat er die Zeit der hohen Schutzzölle noch selbst miterlebt und wusste, dass sie vor allem die Industriellen im Land schützen. Zum Schutz der Arbeiter waren sie hingegen kaum geeignet.

 

Karl Marx beobachtete nicht nur die Arbeiterklasse, sondern auch die Eigentümer der Fabriken, die Kapitalisten. Und er interessierte sich für die von ihnen eingesetzten "Dirigenten": die Manager. Diese sind eine seltsame Mischung, eine Art Zwitterwesen zwischen Kapitalist und Proletarier, zwischen Ausbeuter und Ausgebeutetem. Marx erkannte die in diesen Figuren verborgene Gefahr, warnte vor Selbstbereicherung und Plünderung durch sie.

 

Welch prophetische Erkenntnis im Jahr 1867! Lebte Marx heute, dieses Thema würde mehr Platz in seinem Werk einnehmen. Managergehälter kosten die Eigentümer der Unternehmen, und dazu gehören über Pensionsfonds und Lebensversicherungen auch viele kleine Leute, nicht nur Abermillionen. Sie tragen auch zur Spaltung der Gesellschaft bei.

 

Eine Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung zeigt: Zur Zeit der deutschen Wiedervereinigung bekamen die Dax-Vorstände das Vierzehnfache des durchschnittlichen Gehalts ihrer Mitarbeiter, heute ist es fast das Sechzigfache. Und das hohe Niveau der Gehälter ist nicht einmal das Schlimme. Das ist oft akzeptiert als Anreiz, um gute Leute für die Spitzenjobs überhaupt zu bekommen. Das Schlimme geschieht, wenn die erwarteten Leistungen nicht erbracht werden oder ein Manager dem Unternehmen sogar schadet. Dann kassiert er nämlich trotzdem.

 

Diese wirkliche Ausbeutung der Arbeiterschaft und der Aktionäre hat der New Yorker Generalstaatsanwalt Andrew Cuomo in einem Bericht über die Banker in der Finanzkrise auf den Satz gebracht: "Kopf, ich gewinne, Zahl, du verlierst."

 

Nichts anderes erlebt im Moment auch die Deutsche Bank. Sie hat noch laufende Boni-Zahlungen an Ex-Chefs, darunter Josef Ackermann und Anshu Jain, eingefroren. Am liebsten würde sie zudem schon ausgezahlte Boni zurückverlangen. Doch das ist kaum möglich – obwohl die Finanzkünstler der Bank unter der Verantwortung von Ackermann und Jain Berge von Rechtsrisiken und komplizierten Wertpapieren angehäuft haben, die heute die Bank belasten.

 

In der Industrie ist es nicht anders. Martin Winterkorn wurde als VW-Chef zum bestbezahlten Vorstandschef eines Dax-Konzerns und erklärte sein Jahresverdienst von bis zu 17 Millionen Euro mit seinem Erfolg. Doch siehe da: Als die Diesel-Affäre sein Unternehmen existenziell gefährdete und er schließlich stürzte, fiel er in ein Netz, gewebt aus Gold. Er bekommt nun eine Betriebsrente von 3.100 Euro am Tag.

 

Ein gigantisch hohes Einkommen für wenig Leistung? Nichts Neues für Marx. Doch von Marx lernen heißt auch: das Moralisieren zu unterlassen. Im Vorwort zum Kapital entschuldigt er sich fast dafür, dass er Kapitalisten und Grundeigentümer in "nicht sehr rosigem Licht" zeichne. Er könne und wolle nicht "den einzelnen verantwortlich machen für Verhältnisse, deren Geschöpf er sozial bleibt, sosehr er sich auch subjektiv über sie erheben mag".

 

Von Karl Marx lernen heißt: Manager nicht moralisch dafür zu verdammen, dass sie viel Geld nehmen, sondern die Verhältnisse zu betrachten, das System, das ihnen diese Ausbeutung ermöglicht. Marx heute würde sich die Verteilung der Macht im Großkonzern anschauen. Statt nur gegen die Gier zu wettern, würde er analysieren, wo das Machtgefälle liegt, das dazu führt, dass die Aktionäre, eigentlich doch die wahren Kapitalisten, sich nicht wehren. Karl Marx, der Analytiker, war ein klarer Denker.

 

Und Karl Marx, der Prognostiker, dachte weiter. Er fragte, was auf dies alles – Kapitalismus, Globalisierung, Ungleichheit – folgen werde und hoffte: die Revolution. Seit Amerika Donald Trump gewählt hat und Großbritannien den Brexit, ist das gar nicht mehr so weit hergeholt. Lange vergessene Arbeiter wendeten sich hier per Wahl gegen die mächtigen Eliten, denen sie ihre ganze Verachtung vor die Füße warfen. Nur fällt dieser Aufstand nicht so aus, wie Marx sich das vorstellte. Es ist keine gewaltsame Revolution, sondern nimmt die halbwegs systemtreue Form einer Wahl an. Natürlich stimmten keinesfalls nur Arbeiter für die neuen Rechten wie Trump, es ist nicht nur ihr Aufstand, aber eben auch ihrer. Und sie schockieren das Establishment besonders. Denn man spürt ihre Verzweiflung angesichts einer Wahl, die ihnen am Ende vermutlich wenig bringt oder sie sogar weiteren Wohlstand kostet.

 

Denn bei aller neuen Begeisterung für Marx: Die Geschichte lehrt, dass sein Traum vom Umsturz der Verhältnisse in der Wirklichkeit katastrophal endete. Für die Arbeiterklasse ist es meist schlecht ausgegangen, wenn sie die Revolution herbeiführte. Im Russland von Lenin und Stalin, auf Kuba oder, in diesem Jahrhundert, in Venezuela. Auch in China mussten Arbeiter zunächst einmal schwer leiden und millionenfach mit ihrem Leben bezahlen, bevor dem Markt die Tore geöffnet wurden.

 

Angenehmer wird es für alle oft, wenn das Establishment aus Angst vor der Rache der Masse selbst reagiert. Nach den Weltkriegen des 20. Jahrhunderts entdeckten viele Länder eine Möglichkeit, die Gewinne des Kapitalismus umzuverteilen und damit die Kraft des Kapitalismus für alle nutzbar zu machen: den steuernden Staat.

 

Bisher haben die Nationen auf diese Weise dem Hang des Kapitalismus zur Selbstzerstörung widerstanden. Doch heute entziehen wieder bemerkenswert viele Leute dem System den sicheren Boden: Manager, Finanzjongleure, Politiker. Dass nun Amerika den Protektionismus neu entdeckt, hätte Marx als Scheinlösung entlarvt. Die Welt muss sich anstrengen, um weiterhin Marx, den Revolutionsprognostiker, Lügen zu strafen. Dafür sollte sie unbedingt Marx, den Analytiker, und Marx, den Weltökonomen, lesen.