Putins Söldner

Von Willi Neumann und Steffen Dobbert

http://www.zeit.de/politik/ausland/2017-02/russland-wladimir-putin-soeldner-militaer-syrien-gesetzesaenderung

 

Eine Gesetzesänderung erlaubt russischen Söldnern, im Ausland zu kämpfen. Die Rekrutierung der neuen Privatsoldaten läuft bereits – nicht nur für Einsätze in Syrien.

 

Vor wenigen Wochen erschien im größten russischen sozialen Netzwerk VK eine Anzeige: "Männer, es gibt die Möglichkeit, für unser Heimatland zu arbeiten", lautete die erste Zeile. Der Lohn: "50.000 Rubel pro Monat, wenn man im Hauptquartier in Russland bleibt; 80.000 Rubel, wenn man sich ins Ausland versetzen lässt, plus Prämien." Umgerechnet sind das zwischen 700 Euro und 1.150 Euro. Die Anzeige endete mit den Worten: "Guten Kampf, Soldiers of Fortune!"

 

Ilja Iwanow nennt sich der Mann, der die Anzeige veröffentlicht hat. Sein Job ist es, Söldner zu rekrutieren. Und vieles deutet darauf hin, dass Iwanow dieser Tage gut zu tun hat beim Aufbau einer neuen Privatarmee. Er sucht gerade Männer, die gegen Bezahlung im Jahr 2017 auf neuen Schlachtfeldern die Interessen Russlands umsetzen.

 

Iwanow ist nicht der Einzige, der gerade Söldner rekrutiert, aber ein besonders erfahrener Rekrutierer. Bereits 2014 suchte er nach Männern, die bereit waren, in Syrien zu kämpfen. Damals, als in der Öffentlichkeit noch niemand von russischen Soldaten in Syrien wusste, war sein Handeln gesetzeswidrig. Er hätte dafür bis zu acht Jahre ins Gefängnis gehen müssen. Jetzt ist das anders.

 

Eine wenig bekannte Gesetzesänderung

 

Zwei Tage vor dem Jahreswechsel unterschrieb Wladimir Putin eine Gesetzesänderung. In den staatsnahen russischen Medien wurde darüber kaum berichtet, auch in ausländischen Medien fand sie bisher keine Beachtung. Doch die Folgen sind weitreichend. Es geht um das Gesetz Nummer 53 über die Militärdienstpflicht in Russland. Dort heißt es nach der Änderung: Jeder, der den Militärgrundwehrdienst absolviert hat oder Reservist ist, gilt dann als russischer Militärangehöriger, wenn er "internationale terroristische Aktivitäten außerhalb des Territoriums der Russischen Föderation verhindert".

 

Da fast jeder Mann in Russland nach der Schule Grundwehrdienst geleistet hat, betrifft das neue Gesetz fast alle. Wenn sie gegen Terroristen kämpfen, gelten sie nun als Militärangehörige, auch wenn sie keiner offiziellen, dem Verteidigungsministerium unterstellten Militäreinheit angehören. Kurz gesagt: Gesetz Nummer 53 genehmigt den Einsatz von russischen Söldnern in der ganzen Welt und schafft die Voraussetzung, das Militär mit privaten Militärunternehmen legal auszubauen. Am 9. Januar 2017 ist das Gesetz in Kraft getreten.

 

Blackwater war das bekannteste US-Unternehmen, das als Söldnerfirma die teilweise kriminelle Arbeit für das Militär der USA erledigte, beispielsweise im Irak. Als die Praktiken von Blackwater an die Öffentlichkeit gelangten, löste das weltweit eine Debatte aus, die auch in Russland ausführlich geführt wurde. RT fragte in Artikeln und TV-Beiträgen: Private Militärunternehmen: Ein neuer Weg der Kriegsführung? Heute aber, da das Thema das eigene Land betrifft, schweigen die großen Medien in Russland.

 

Wie funktioniert das nun legale Geschäft mit den Söldnern? Wie arbeiten Rekrutierer wie Iwanow? ZEIT ONLINE hat sich auf Iwanows Anzeige gemeldet und dafür die Identität Pawel Nikulin erfunden. Nikulin ist 27 Jahre alt, arbeitet als Elektrofachkraft in Wolgograd und hat in den Jahren 2010 und 2011 seinen Grundwehrdienst geleistet. Dabei ließ er sich zum Panzermechaniker ausbilden, Spezialisierung: T-72 Panzer.

 

Nikulin existiert nur durch seine virtuelle Profilseite im sozialen Netzwerk VK. Dieses Profil, Nikulins erfundener Lebenslauf und eine mehrwöchige Recherche genügten, um Details über Russlands neue Söldnerausbildung zu erfahren. Nikulin und der Rekrutierer, der sich Iwanow nennt, haben einander Nachrichten geschrieben und zwei Mal telefoniert.

 

Nikulin: Hallo, hier ist Pawel. Ich rufe wegen der Anzeige an.

 

Iwanow: Aha, alles klar, wegen des Jobs. Pawel, sagen Sie, welche Staatsangehörigkeit haben Sie?

 

Nikulin: Ich bin Russe.

 

Iwanow: Na endlich! Haben Sie eine Militär-ID? Militärische Ausbildung?

 

Nikulin: Ja, habe den Grundwehrdienst absolviert. Panzermechaniker.

 

Iwanow: Wunderschön! Pawel, lassen Sie mich Ihnen die Sache erklären.

 

Iwanow sagt, Panzerexperten würden momentan "dringend" gesucht. Außerdem rekrutiert er Ärzte, Minenexperten und gut ausgebildete Fernmelder. Priorität habe zudem das Anwerben von Hubschrauberpiloten – sie bekommen laut Iwanow ohne kompliziertes Einstellungsverfahren sofort ein Vertragsangebot. Alle anderen Bewerber müssten sich erst in einem Einstellungstest beweisen.

 

Ob Ilja Iwanow der richtige Name des Söldnerrekrutierers ist, kann nicht zweifelsfrei überprüft werden. Allerdings bestätigten ZEIT ONLINE zwei weitere Quellen unabhängig voneinander, dass sie sich von Iwanow haben anwerben lassen. Außerdem stimmen Iwanows Angaben zu Details der Anwerbung und zum Ort der Ausbildung der Söldner mit dem überein, was eigene Quellen ZEIT ONLINE bestätigten.

 

Der Einstellungstest und die Ausbildung der neuen Söldner finden laut Iwanow in einem Militärlager nahe Molkino statt. Molkino ist ein kleiner Ort im Südwesten Russlands nahe Krasnodar. Bis zum ukrainischen Donezk sind es knapp 500 Kilometer nach Norden, bis zum russischen Badeort Sotschi etwa 250 Kilometer nach Süden. Im Jahr 2015 wurde der Militärübungsplatz in Molkino renoviert und ausgebaut. Militärausrüstung im Wert von umgerechnet 715.000 Euro wurde nach Molkino geliefert. Eine Brigade der Spezialeinheit des Militärgeheimdienstes GRU ist in Molkino stationiert.

 

Die bekanntesten privaten Schutz- und Sicherheitsfirmen Russlands sind Moran Security Group und RSB-Group. Ähnlich wie Academi, der Nachfolger des US-amerikanischen Blackwater, bieten diese russischen Firmen verschiedene Dienstleistungen in den Bereichen Sicherheit, Consulting, bewaffneter Schutz und Bewachung an. Weder die Moran Security noch die RSB-Group wollten ZEIT ONLINE bestätigen, dass ihre Mitarbeiter auch als Söldner an bewaffneten Konflikten im Ausland teilnehmen. Der Geschäftsführer der RSB-Group, Oleg Krinizyn, hatte allerdings vor der Gesetzesänderung der russischen Zeitung Fontanka gesagt, er wäre "zu Verhandlungen bereit", wenn solche Aufgaben von seinen Mitarbeitern verlangt würden.

 

Dmitri Utkin und die Wagner-Einheit

 

 

Ein ehemaliger Mitarbeiter der Sicherheitsfirma Moran Security Group gründete später eine eigene Söldnereinheit, die sich Wagner-Einheit nennt. Es handelt sich um Dmitri Utkin. Er arbeitete als junger Mann bei Spezialeinheiten des russischen Militärgeheimdienstes, dann wechselte er zur Moran Security Group, wie unter anderem die Welt berichte. Nach seiner Kündigung war er 2013 erstmals mit einer mehr als 250 Mann starken Einheit in Syrien gewesen. Danach hat er die Wagner-Einheit aufgebaut, die später im Osten der Ukraine und in Syrien aktiv war.

 

Im Dezember 2016 erschien Utkin sogar zu einem Empfang im Kreml. Geladen waren Generäle, die Verdienste im russischen Militär erworben haben. Utkin, der Chef der Söldnereinheit, war einer der wenigen Gäste, die in der russischen Armee keinen offiziellen Rang bekleideten. Dass er dennoch eingeladen war, hängt vermutlich damit zusammen, dass seine Soldaten im Syrien-Krieg Aufgaben für Russland übernommen hatten.

 

Dem Rekrutierer Iwanow zufolge sucht die Wagner-Einheit dieser Tage neue Söldner in Molkino. Männer, die sich in Molkino um einen Zeitvertrag als Söldner beworben haben, sagten ZEIT ONLINE, das Auswahlverfahren sei an sich leicht zu bewältigen. Bewerber müssten in einem ersten Test ihre Fitness beweisen: Klimmzüge, Dauerlauf, Liegestütze, 100-Meter-Lauf, ein Cooper-Test, um die Ausdauer zu prüfen, und verschiedene Schießübungen gehörten zu den Aufgaben. Wer diesen Eignungstest bestehe, dürfe eine Söldnerausbildung absolvieren, die normalerweise zwei Monate dauere.

 

Jeder Mann, der diesen Einstellungstest bestehe, müsse einen Arbeitsvertrag über mindestens sechs Monate unterschreiben, sagt Iwanow. Neben formalen Dingen sei der Zeitvertrag vor allem wegen einer Information wichtig: "Unsere Verträge sind zwei Seiten lang", sagt Iwanow. Auf der ersten Seite laute der entscheidende Punkt, verrate niemandem etwas über Ort und Umfang des Einsatzes. Auf der zweiten Seite stehe, man solle unbedingt beachten, was auf Seite eins steht.

 

Iwanows Rekrutierung und der Militärstützpunkt in Molkino werfen Fragen auf. Für welche Einsätze werden russische Söldner gesucht? Welche Abteilungen des Verteidigungsministeriums sind in Molkino stationiert? Wie kooperieren diese mit der von Dmitri Utkin gegründeten Wagner-Einheit? Und: Warum wurde Gesetz Nummer 53 überhaupt geändert? Das russische Verteidigungsministerium antwortet auf Nachfrage von ZEIT ONLINE auf keine dieser Fragen. Eine Erklärung für die Legalisierung des Söldnertums könnte jedoch in der spezifischen Verbindung von Außen- und Innenpolitik des russischen Präsidenten liegen.

 

Wladimir Putin hat seine Macht seit seiner ersten Wahl im Jahr 2000 durch Kriege gestützt. Zuerst war es der Zweite Tschetschenienkrieg, danach der Krieg in Georgien 2008, dann der Krieg in der Ukraine und seit 2015 der Einsatz in Syrien.

 

Alle kriegerischen Einsätze, ob sie von Russland entfacht wurden oder nicht, haben Putin innenpolitisch genutzt. Durch die positive Darstellung der russischen Armee und militärischer Erfolge in staatsnahen Medien wuchs der Patriotismus vieler Russen und damit der Stolz auf ihr Land und ihren Präsidenten. Gleichzeitig konnte der Präsident die schwächelnde heimische Wirtschaft durch Rüstungsprogramme unterstützen. Und wenn das Land im Krieg ist, erscheint zum Beispiel Korruption im Vergleich als nicht mehr so wichtig. All das könnte auch in Zukunft eine wichtige Rolle spielen, wenn es neue Konflikte im Ausland mit russischer Beteiligung gibt.

 

Ukraine, Syrien – Afghanistan?

 

Die Sache hat allerdings zwei Haken. Putin habe mittlerweile Probleme, genügend Leute für seine Kriegseinsätze zu finden, sagt Stefan Meister, Russlandexperte der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. Derzeit habe Russland mit den Einsätzen in der Ukraine und in Syrien schon zwei Konflikte, die viele Soldaten und viel Ausrüstung erfordern. Auch wenn das russische Militär seit 2008 modernisiert werde, seien seine Kapazitäten nicht unendlich.

 

Meister hält es für wahrscheinlich, dass im Jahr 2017 weitere Militäreinsätze Russlands dazukommen können, vor allem mit Blick auf den von Donald Trump geforderten Kampf gegen den internationalen Terrorismus. Neue Söldnerbrigaden, sagt er, können dabei helfen. Söldner würden von privaten Sicherheitsfirmen eingestellt und bekämen andere Arbeitsverträge als Soldaten. Laut Meister sei es dadurch leichter zu verhindern, dass Informationen an die Öffentlichkeit gelangen. Insbesondere in der Ukraine war es bisher ein Problem, wenn russische Soldaten im Kampf gegen das einstige "Brudervolk" getötet wurden. Wenn aber ein Söldner im Einsatz stirbt, kann das Verteidigungsministerium jede Zuständigkeit dafür abstreiten.

 

Der zweite Haken hängt mit den möglichen Einsatzorten der Söldner zusammen.

 

Nikulin: Wo wird mein Einsatzort sein? In Syrien?

 

Iwanow: Nein, das ist doch schon ein altes Thema. Ich darf dir jetzt nicht direkt sagen, wo du hingeschickt wirst. Aber vermutlich kannst du es dir denken. In den achtziger Jahren hat unsere Armee bereits dort gekämpft. Es gibt dort viel Sand und Gebirge. Auch dort wird es also eine Friedensoperation geben. Wenn du nach der Ausbildung dort hingehst, bekommst du sogar eine Tapferkeitsmedaille. Aber mehr Ehre gibt es nicht. Im Fernsehen tretet ihr natürlich nicht auf. Noch Fragen?

 

Afghanistan also. Neben Syrien, der Ukraine und instabilen Ländern wie Libyen könnte Russland im Jahr 2017 auch in Afghanistan verstärkt eingreifen. Doch der Schrecken, den die russische Gesellschaft mit den Verlusten in Afghanistan verbindet, sitzt tief. Er ist vergleichbar mit dem Vietnam-Trauma der USA. Heutzutage dürfte es selbst unter Einsatz der russischen Propagandamaschinerie nicht gelingen, die russische Bevölkerung von einem offiziellen Einsatz von Bodentruppen in Afghanistan zu überzeugen.

 

Hauptsache Geld

 

"Momentan unterstützt Russland Afghanistan nur mit Hubschraubern und ist mit Technikern und Ausbildern aktiv", sagt Meister. Seit 2016 gibt es eine offizielle Kooperation zwischen den beiden Ländern, laut der Russland Afghanistan militärisch-technische Hilfe leistet. "Wenn sich die Nato 2017 aus Afghanistan zurückziehen sollte, könnte in Russland die Angst umgehen, dass der Terrorismus in dem Land sich ausweitet. Die Taliban könnten verstärkt die zentralasiatischen Nachbarn Russlands destabilisieren", sagt Meister. Das sei eine reale Gefahr, auch für Russland.

 

Den meisten Söldneranwärtern, so sagt es Rekrutierer Iwanow, sei es egal, wo sie eingesetzt würden. Wichtig sei vor allem das Gehalt. Nach Iwanows Angaben bekommen die Söldner im Jahr 2017 während der Ausbildungsphase umgerechnet etwa 700 Euro pro Monat, im Ausland steige der Lohn automatisch auf 1.150 Euro, bei einem Einsatz im Konfliktgebiet bekomme man 1.700 Euro. Für russische Verhältnisse ist das sehr viel Geld. Dazu kommen Prämien. Iwanow sagt: "Brennst du einen Panzer ab, dann bekommst du Extrageld dafür."