Liebe grünversiffte Gutmenschen, lasst euch bitte nicht verarschen

Von Gerald Hensel

 

http://www.huffingtonpost.de/gerald-hensel/gutmenschen-neue-rechte-rechtspopulismus-gerald-hensel-rhetorik_b_14576444.html?utm_hp_ref=germany

 

Es gibt da diese rechte Populisten-Mär von "dem Volk" (gut und aufrecht) und "den Eliten" (verschlagen und verräterisch). Je nachdem, wo man sich genau gerade rechts desinformieren lässt, heißen "die Eliten" wahlweise auch gerne "das Establishment" oder "die grünversifften Meinungsmacher".

 

Meist übrigens ausgesprochen von Menschen, die wesentlich mehr fürs Establishment stehen als du und ich. Das aber nur nebenbei.

 

Populisten folgen damit natürlich nur alten Mustern der Massenmanipulation, die nach wie vor sehr effektiv sind. So kommt zum Beispiel keine Diktatur ohne das Motiv der Entmenschlichung aus.

 

Das Tier, die Flut, der Untermensch

 

Wenn der Gegner wahlweise als Tier, Flut oder Untermensch betitelt wird, verhindert der, der es ausspricht, schon von vorne herein, dass man mit „denen" inhaltliche Kompromisse ausloten könnte. Wesentlich ist diese Sprache der Gewalt auch im Krieg.

 

Da "die anderen" wahlweise Horde oder Barbaren sind, muss der Soldat sich seines angeborenen Überlebensinstinkts entledigen und kämpfen -- sterben würde er ja ohnehin, wenn "die" durchbrechen. Natürlich mitsamt des Volkes und aller Frauen und Kinder. Klar.

 

Genau diese Demagogen-Klaviatur spielt unsere Neue Rechte mit Bravour. Geht mal durch eure Filterblase hindurch und lest mal, was in einschlägigen Facebook Gruppen und Foren von sich gegeben wird. Tenor: die Elite (wer auch immer das ist) wird als bedrohlicher amorpher Gegner aufgebaut und als Gegensatz zu des „Volkes Willen" (was auch immer das ist) inszeniert. Reine Projektionen.

 

Details sind ebenso egal wie Schattierungen in der Meinung. Warum auch? Man will sich ja nicht an einer Meinung reiben. Man braucht Abziehbilder, die den eigenen Wählern vorgesetzt werden können.

 

Viele Blogs sind besessen von diesem Gegensatz. Ganz einfach, weil sie ihn zum Leben brauchen. Ohne "die da oben" und "uns hier unten", könnte man niemanden auch nur fünf Minuten dazu bringen, den hasserfüllten Unsinn zu lesen, den die Kollegen da regelmäßig produzieren.

 

Und mit einem langen Fließtext, der Meinungen abwägt, das Für und Wider diskutiert, bekommt man im Netz keine Leser. Keine Option.

 

"Die Elite" vs. "das Volk"

 

Die Idee von "die arrogante Elite" vs "das Volk" ist genial. Sie tut zweierlei: Sie erschafft erstens ein künstliches Narrativ für den erweiterten neurechten Freundeskreis von AfD und Pegida.

 

Kundenbindung quasi. Sie seien angeblich Geknechtete in einer Eliten-Republik, die vor allem nicht mehr für die Sicherheit ihrer Bürger gerade stehen will.

 

Einem Land, das nur noch aus Angst besteht, weil ihre faulen, dekadenten Eliten sie nicht schützen könnten und wollten. Gleichzeitig verunsichern sie dich und wie du mit diesem Vorwurf umgehen sollst. Irgendwas wirst du ja falsch gemacht haben -- alleine schon wenn du die Kanzlerin nicht ganz so falsch findest.

 

Wie das aussieht? Lust auf ein paar Beispiele?

 

Das sind völlig normale Facebook Shareables in rechten deutschen Facebook-Gruppen (was Olli P. in dem ersten Beitrag tut, weiß ich immer noch nicht):

 

 

Das Problem ist, dass gefühlte und echte Sicherheit zwei Paar Schuhe sind. So stehen Statistiken und gefühlte Wahrheiten in eklatantem Widerspruch, wenn z.B. Christian Walburg vom Kriminalwissenschaftlichen Institut der Uni Münster sagt, dass bei Sexualmorden "90 bis 95 Prozent der Tatverdächtigen Deutsche" sind, man bei Eingabe des Suchbegriffs Massenvergewaltigung als ersten Hit auf Google zu rapefugees.net gelenkt wird.

 

Dort ist man dann nicht mehr ganz so rational.

 

Das Narrativ der hochnäsigen Elite verunsichert zudem genau die, die als Elite bezeichnet werden, sich aber komischerweise nie als solche gefühlt haben. Wahrscheinlich bin ich Elite nach diesem Narrativ. Wahrscheinlich bist auch du Elite.

 

Elite bist du, wenn du an den Humanismus glaubst

 

Die Basisvoraussetzung, um zur Elite zu gehören, hat wenig mit Wohnort, Bildungsgrad, Einkommen oder Familienstand zu tun.

 

Elite bist du dann, wenn du irgendwo in der linksliberalen oder konservativen Mitte bist und irgendwie daran glaubst, dass ein so reiches Land wie Deutschland Menschen helfen sollte, denen es schlechter geht.

 

Elite bist du, wenn du weißt, dass es auch mit Flüchtlingen Probleme gibt, aber dass zum Problemelösen immer zwei gehören. Zur Elite wirst du gemacht, wenn du nicht glaubst, dass Muslime fast automatisch ein Grundproblem mit "unserem" Wertesystem haben.

 

Moment...oder vielleicht nicht? Bist du vielleicht gar kein Teil der Elite?

 

Nein, bist du nicht. Das reden sie dir aber ein. Das projezieren sie auf dich. Schon in den USA konnten wir gerade feststellen, dass die Mär von der hochnäsigen studierten, urbanen Elite, die über die Abgehängten spottet, inhaltlich unhaltbar ist: Erstens gibt es kaum eine soziodemografisch abgrenzbare Elite, die Mitte-Links vollkommen anders aussieht als ihr rechtes Gegenüber.

 

Populisten sind Märchenerzähler

 

Zweitens brauchen rechte Populisten dieses Märchen, um bei ihren eigenen Fans den Hass kontinuierlich nachzuheizen. Und: Schlechtes Gewissen, dass wir zur Elite gehören könnten, zieht beim linksliberalen Normalo immer.

 

Irgendwas werden wir ja falsch gemacht haben, oder? Elite bist du als Grünen-Wählerin auch dann, wenn du als alleinerziehende Mutter an der Aldi-Kasse sitzt und deine Kinder durchzubringen versuchst. Du bist Elite durch deinen Wahlzettel.

 

Zwei Artikel möchte ich in diesem Moment nochmal für alle die zitieren, die sie noch nicht kennen: Den auf SPON publizierten Hausbesuch von Renate Künast bei einem Troll, der sie im Netz übelst beleidigt hat. Ergebnis: Ein normaler netter Handwerksmeister, der mit den gleichen Problemen zu kämpfen hat wie jeder andere auch.

 

Dann möchte ich noch auf einen Artikel aus Österreich verweisen, wo ein Journalist von Falter.at einen Hausbesuch bei einem Mann macht, der auf der FPÖ-Seite dazu aufrief, ihn "zu verbrennen." Auch hier zeigte sich: der aggressive rechte Troll geht als netter Vorstädter mit Familie, Freunden und DoppelhaushälfteFinden Sie jetzt die perfekte Immobilie für Sie! durch.

 

Eigentlich sogar ein ganz netter Typ...Ein Typ, der ebenso wie "wir" mit einem Gespräch bei einem Bier wahrscheinlich glücklicher wäre und in der Realität auch niemanden "verbrennen" würde.

 

Meine Bitte an euch Pseudo-Eliten

 

Meine Bitte an euch Pseudo-Eliten: Populisten und die Neue Rechte müssen ihren Fans, Wählern und Abonnenten vermitteln, dass du auf sie herabblickst. Lass dich einfach nicht darauf ein. Wer diesem Narrativ Boden gibt und von der Arroganz der Eliten in den Großstädten spricht, gibt ihrer Story recht.

 

Bemüh dich lieber, mal wieder ein Gespräch mit denen zu führen, die diesen Unsinn konsumieren. Dann zeigt sich wahrscheinlich relativ schnell, dass Hass heute digital produziert wird und in der wirklichen Welt zwischen "dir" und "dem" gar nicht so viel Unterschied sein muss. Unsere Realität ist eine Projektion, die aus deinem Facebook-Feed gespeist wird.

 

Zeig "denen", dass du nicht die stereotype "linksversiffte" Wut-Puppe bist, die man dort durch Blogs treibt. Zeig ihnen, dass du auch gegenüber der Flüchtlingspolitik optimistisch aber kritisch denkst, wenn du das tust.

 

Bestimmt hast auch du berechtigte Sorgen vor der Zukunft, die mal Beachtung finden dürfen. Und vielleicht wird dann aus einer technisch verzerrten Wutprojektion plötzlich ein ganz nettes Gespräch zwischen Menschen.

 

Könnte ja sein, du Eliten-Schnösel.