Der nette Neonazi von nebenan

 

Von Wiebke Ramm

http://www.weser-kurier.de/region_artikel,-Kommentar-Der-nette-Neonazi-von-nebenan-_arid,1337887.html

 

Es war kein Flugblatt, das durchs Fenster flatterte. Es war auch keine „Merkel muss weg“-Schmiererei an der Fassade der Flüchtlingsunterkunft in Salzhemmendorf.

 

Im Prozess um den Brandanschlag auf eine Asylunterkunft in Salzhemmendorf wurden die Täter zu langjährigen Haftstrafen verurteilt.  (dpa)

 

Es war eine brennende, mit Benzin und Sägespänen gefüllte Flasche, die am 28. August 2015 gegen 2 Uhr nachts die Scheibe des Kinderzimmers durchschlug und unter dem Bett landete, in dem normalerweise ein elfjähriger Junge aus Simbabwe schlief. Es war bloßer Zufall, dass das Kind diese Nacht im Zimmer nebenan bei seiner Mutter und seinen Geschwistern verbrachte. Die Familie rettete sich durch ein Fenster ins Freie.

 

„Wenn heute Nacht ein Neger brennt, dann feiere ich richtig“ – die Worte von Dennis L. nach seinem Molotowcocktail-Wurf lassen keinen Zweifel an seiner Absicht. Das Landgericht Hannover hat den 31-Jährigen jetzt wegen versuchten Mordes zu acht Jahren Gefängnis verurteilt, seine beiden Mittäter zu sieben und viereinhalb Jahren Haft. Ein starkes Signal zur richtigen Zeit.

 

Dennis L. ist kein Neonazi, beteuerte er selbst, beteuerten Freunde, Bruder und Mutter immer wieder. Kein Neonazi? Es gibt Handynachrichten von ihm, in denen er Hitler verehrt, in Mordfantasien gegen Ausländer schwelgt, Hakenkreuze verschickt. Eine Nachbarin erinnerte sich, wie er nachts „Heil Hitler“ grölte. Eine Phase, nur Spaß, eine Alkohollaune, so wollten es seine Anwälte darstellen. Das Gericht aber hat in all dem „die Fratze des Nationalsozialismus“ erkannt, „und zwar ganz eindeutig“.

 

Ein Molotowcocktail ist kein Flugblatt. Ein Molotowcocktail ist ein Brandsatz. Bei einem Brand entsteht lebensgefährlicher Rauch. Es war ein Kinderzimmer, in dem er landete. In dem Haus schliefen 39 Menschen, überwiegend Flüchtlinge. Das Gericht hat kein unverhältnismäßig hartes, es hat ein angemessenes Urteil in deutlichen Worten gesprochen. Ein notwendiges Signal in einer Zeit, in der manch einer einen Brandanschlag mit einem politischen Statement zu verwechseln scheint.

 

Wer den Tod von Menschen in Kauf nimmt, ist eine Gefahr für unsere Gesellschaft. Zu dieser Gesellschaft gehören auch diejenigen, die hier Zuflucht suchen. Nicht der kleine Junge aus Simbabwe und seine Familie sind eine Bedrohung für ein friedliches Zusammenleben, sondern diejenigen, die Flüchtlinge attackieren – und diejenigen, die diesen Tätern applaudieren.

 

Ganz Salzhemmendorf sei zu Unrecht auf die Anklagebank geraten, klagen die Verteidiger. Nein, ist es nicht. Eine Gesellschaft ist verantwortlich für ihre Kinder. Und es läuft einiges schief, wenn sich erschreckend wenig Menschen daran zu stören scheinen, wenn jemand rechtsextreme Musik hört, Hitler verherrlicht, gegen Ausländer hetzt.

 

Suff, nicht Fremdenhass habe zur Tat geführt, hieß es wieder und wieder. Fester kann man die Augen kaum zukneifen. „Wenn man einen Molotowcocktail auf ein Asylbewerberheim wirft, gibt es kein anderes Motiv als Fremdenhass und Ausländerfeindlichkeit“, sagt der Richter in aller Deutlichkeit. Dies zu leugnen, verunmöglicht eine Aufarbeitung der Tat. „Das, was Sie getan haben, ist nichts anderes, als das, was die marodierenden SA-Trupps taten, als sie Geschäfte von Juden ansteckten.“ Es ist ein drastischer Vergleich, den der Richter gezogen hat. Falsch ist er nicht.

 

Die drei seien nette Menschen, beteuern Freunde und Familien. Auch Beate Zschäpe betont, wie tier- und kinderlieb Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos waren. Trotzdem haben die NSU-Terroristen zehn Menschen ermordet und zwei Bombenanschläge verübt.

 

Deutschland war zutiefst erschrocken, als im November 2011 bekannt wurde, dass mitten unter uns Neonazis über Jahre hinweg unerkannt morden konnten. Deutschland war beschämt, dass die Ermittler die Opfer des NSU selbst zu Tätern machten. Journalisten schämen sich noch heute, dass sie jahrelang „Döner-Morde“ schrieben. Es gab die Hoffnung, dass der Schock Deutschland positiv verändern würde.

 

Heute brennen wieder Flüchtlingsunterkünfte. Heute verschicken Menschen immer noch Hakenkreuze per Handy und nennen das „Spaß“. Spaß? Wer jemals einem Holocaust-Überlebenden zugehört hat, dem wird übel, wenn er so etwas hört.

 

Bleibt zu hoffen, dass sich das Urteil, das das Gericht nun gefällt hat, herumspricht. Wenn das nächste Mal Leute über einen Anschlag fabulieren, sitzt vielleicht einer dabei, der an Salzhemmendorf erinnert – und daran, dass, wer Brandsätze wirft, nicht den Zuspruch der Gesellschaft findet, sondern im Knast landet. Im Namen des Volkes.