Es hilft nur harte Gammastrahlung

 

Interview mit LEO FISCHER über die Erfolge der AfD

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Darf man über diese Wahlerfolge noch lachen? Der Autor Leo Fischer war fünf Jahre lang Chef-Redakteur des Satire-Magazins Titanic. Wir befragten ihn zur richtigen Strategie gegen die AfD und zum passenden Soundtrack für dunkeldeutsche Tage.

 

Was war der größere Schock – die Wahlergebnisse der AfD bei den Landtagswahlen oder die Selbstverständlichkeit, mit der sie ihre Erfolge auskostete, während fast alle anderen Parteien die »Flüchtlingsfrage« – und damit die Refugees selbst – zum Grund dieser Erfolge erklärten?

Das war ja nur die Fortsetzung der BDSM-Beziehung, die die Medien schon seit der Abwahl Bernd Luckes zur AfD pflegen: Man lässt sich als Lügenpresse beschimpfen, aus Veranstaltungen werfen und auf Demos anspucken, um den Leuten dann ganz galant den Hof zu machen und ihnen ganze Talkshows auf den Leib zu schneidern. Besonders kinky ist man da bei der Tageszeitung Die Welt drauf: Nach den Wahlen erklärte der stellvertretende Chefredakteur Ulf Poschardt, nun sei es an der Zeit, sich zu beruhigen und die Lage nüchtern zu sehen, insbesondere verbitte er sich Vergleiche mit 1933. Ich möchte ihm da zustimmen: Die Situation ist nicht, wie sie 1933 war, sondern wie sie 1930 war. Und die AfD ist auch viel schlechter gekleidet als die NSDAP. Das sind die wesentlichen Unterschiede.

 

Seit den Wahlen dürfte auch dem letzten klar sein, dass Rechtsradikalismus in Deutschland nicht nur ein Phänomen des Ostens ist. Kommen die Sachsenwitze jetzt in die Mottenkiste?

Schonen darf man die Sachsen jetzt natürlich nicht, bei dem Geld, das sie den Steuerzahler jedes Jahr kosten. Im Vergleich zum gescheiterten Experiment »Aufbau Ost« sind die Kosten der Flüchtlingskrise ja Peanuts. Für Flüchtlinge wurde bislang kein einziges Spaßbad errichtet. Aber was man natürlich nicht mehr darf, ist, sich jetzt auf seiner sagenhaften westlichen Aufgeklärtheit ausruhen. Das Krebsgeschwür Sachsen hat bereits gestreut. Jetzt hilft nur mehr harte Gammastrahlung.

 

Man hat oft den Eindruck, dass Wahlkampf Realsatire ist. Im Vorfeld der Wahlen vom 13. März wurde vermehrt versucht, rassistische Aussagen der AfD und weiterer rechter Parteien zu »parodieren«. Des Öfteren war gar nicht mehr klar, ob es sich um echte oder gefälschte Slogans handelte. Haben solche Aktionen die AfD vielleicht verharmlost?

Mit Sicherheit sind viele professionelle Spaßmacher ein bisschen der schon genannten Fetischisierung erlegen: Man tut mittlerweile so, als sei die AfD Teil des Inventars, und normalisiert sie dadurch ein bisschen. Ich kann mich nicht erinnern, dass Protagonisten der NPD auch in ihren Hochzeiten ähnlich abgefeiert wurden, oder es auf die Titelseiten geschafft haben. Meistens waren sie nicht einmal namentlich bekannt. Dafür, dass das letztlich total geistlose Schießbudenfiguren sind, kennen wir viel zu viele AfD-Leute mit Vornamen.  Meines Erachtens sollten sich Satiriker eher mit den hilflosen Reaktionen der anderen Parteien befassen, die überdies an der Macht sind und es auch noch ein paar Jahre sein werden.

 

Gestern wurde auch von einer »Repolitisierung« des Landes nach der großen »Politikverdrossenheit« gesprochen. Ist in Deutschland nicht eher Zurückhaltung  zu beobachten, etwa im Feld der Kulturschaffenden? Vor allem, wenn man die Vorwahlen in den USA zum Vergleich heranzieht?

Wir haben ja nur mehr einen einzigen politisch engagierten Intellektuellen in Deutschland, und das ist Til Schweiger. Angesichts der Anschläge von Rostock-Lichtenhagen gab es noch bundesweite Plakatkampagnen, wo mehr oder minder berühmte Denkleistungsträger förmlich darum rangen, zu den Erstunterzeichnern zu gehören. Jetzt haben wir jeden Tag ein Rostock. Das kann der Til nicht allein stemmen. Ich rufe Nina Hagen, ich rufe die Scorpions!

 

In der rheinland-pfälzischen SPD-Wahlkampfzentrale wurde am Sonntag »So ein Tag, so wunderschön wie heute« angestimmt. Anderen war mehr nach Slimes »Deutschland muss sterben« zumute. Welcher Song würde deine Gemütslage nach den Wahlen am ehesten widerspiegeln?

Neulich hörte ich einen Leierkastenmann in Frankfurt den »Badenweiler Marsch« spielen, also den Hitlermarsch, der nur bei persönlichen Auftritten des Führers gespielt werden durfte. Seither habe ich ihn als Ohrwurm. Passt aber auch zu praktisch allem, was man derzeit in der Tagesschau hört.