AfD: Partei der Korrektion

 

Von Andreas Kemper

https://andreaskemper.org/2016/06/05/afd-partei-der-korrektion/

 

„Es ist schade, dass Mesut Özil als Identifikationsfigur für so viele Kinder und Jugendliche die Nationalhymne nicht mitsingt“ beklagte Frauke Petry gegenüber der WamS. Die AfD will die Menschen nicht so lassen, wie sie sind oder sein wollen. Sie will die Menschen nach „Leitbildern“ korrigieren. So unterschrieb Petry schon vor ein paar Jahren ein internes Papier der AfD, welches „Leitbilder“ für Jugendliche forderte. Schüler und Schülerinnen, die diesen „Leitbildern“ nicht entsprechen, sollten aus dem Unterricht entfernt werden und in Benimmkurse versetzt werden. Diese Benimmkurse sollten von den Eltern finanziert werden, wer diese Kurse nicht bezahlen kann, soll sich an der Schule „nützlich“ machen. Sollten die Kinder in den „Benimmkursen“ noch immer renitent sein, erfolgt nur eine Ermahnung, danach wird sofort Jugendarrest angeordnet. Entsprechend soll laut AfD-Programm das Strafmündigkeitsalter auf 12 Jahre gesenkt werden. Die AfD ist allerdings gegen ein Wahlrecht ab 16, weil Jugendliche noch gar nicht mündig seien, zu wählen.

 

Die AfD ist die Partei der Korrektion. Sie will Menschen korrigieren und einschüchtern: Schwule und Lesben sollen sich als geduldete Minderheiten fühlen ohne Recht auf Gleichstellung; Schwarze sollen berücksichtigen, dass niemand in Deutschland sie als Nachbar haben will; Muslim*innen sollen unter einem permanenten Rechtfertigungszwang gestellt werden; Einwander*innen haben sich dem „deutschen Leitbild“ entsprechend zu korrigieren; Bildungs- und Kulturinstitutionen haben ihre Inhalte dahin gehend zu korrigieren, dass sie zur „Identifikation mit Deutschland“ beitragen; man soll wieder vor Beamte kuschen, Angriffe auf Beamte sollen stärker sanktioniert werden als Angriffe auf Nicht-Beamte, es wird einseitig mehr Respekt vor Polizei und Ausländerbehörden gefordert, aber nicht mehr Respekt von Polizei und Ausländerbehörden gegenüber Bürger*innen…

 

Die AfD will die Korrektionstugenden, die Sekundärtugenden Fleiß, Ordnung, Gehorsam gegenüber den Primärtugenden Freiheit, Gleichheit, Solidarität stärken. Mit Korrektion und Disziplinierung wird gegen Gleichheit und Freiheit gekämpft. Dabei kommt der AfD die wohl stärkste antiemanzipatorische Strategie der Jahrtausendwende zur Hilfe: die Anti-PC-Strategie, die Strategie, emanziaptorische Argumentationen als vermeintliche „Political Correctness“ abzuwehren. Der inhaltliche Schwerpunkt dieser Argumentationsabwehr liegt dabei auf „political“, der formal-wirksame auf die Zuschreibung „correctness“. Man will keine Auseinandersetzung mit den politischen Inhalten und bezeichnet diese daher als „correctness“ oder „Korrektheit“. Dieser Trick funktioniert leider all zu gut. Und dieser Trick hat einen gewollten Nebeneffekt: der Spieß der Spießigkeit wird umgedreht, plötzlich sind emanzipatorische Kräfte spießig, wollen angeblich Korrektion. Eine emanzipatorische Kritik an Korrektionsforderungen wird zur Forderung nach politischer Korrektheit umgedeutet. Aus der emanzipatorischen Kritik an Deutschtümelei wird erst eine vermeintliche Umerziehung gebastelt („Multikulti-Umerziehung“) und die Freiheit, nicht eine Nationalhymne mitsingen zu müssen, wird dann unter den Verdacht einer beabsichtigten „Multikulti-Umerziehung“ gestellt. Hier sei an einen anderen Fußballspieler neben Boateng (schwarz) und Özil (islamisch) von der AfD angegriffen wurde, erinnert: Bernd Lucke fordert von Thomas Hitzlsperger ein „klares Bekenntnis zu Ehe und Familie“ ein, nachdem sich Hitzlsperger als schwul geoutet hatte. Ein emanzipatorisches Comingout wird als Angriff auf „Ehe und Familie“ umgedeutet, ein Foto aus Mekka als Angriff auf das Christentum, ein Nichtmitsingen der Nationalhymne als Angriff auf die deutsche Identität, eine dunkle Hautfarbe als Angriff auf eine intakte organisch gewachsene Nachbarschaft. Die AfD will Korrektionen nach nach rechtskonservativen Leitbildern, sie will diese Korrektionen allerdings undemokratisch gestalten, von „oben nach unten“, sie will zurück zur entpolitisierten Korrektion, zur Untertanenmentalität; sie will ihre Korrektionsleitbilder nicht demokratisch-emanzipatorisch hinterfragen lassen, sie will eine Anpassung, eine Korrektheit, anhand politisch nicht hinterfragbarer Leitbilder, daher ist die AfD als Korrektionspartei gegen eine politische Korrektheit.