Die CDU lässt zu, dass sich Rechtsextreme in Sachsen Fleisch anfressen

 

Von Annedore Bauer, Schauspielerin

https://causa.tagesspiegel.de/die-cdu-lasst-zu-dass-sich-rechtsextreme-in-sachsen-fleisch-anfressen.html

 

In Volker Löschs Dresdner Inszenierung "Graf Öderland / Wir sind das Volk" setzt sich die Schauspielerin Annedore Bauer seit einem halben Jahr immer wieder auf der Bühne mit dem Rechtsextremismus in Sachsen auseinander. Am 10. Juni 2016 wurde das Stück zum letzten Mal gezeigt. Annedore Bauer hat für uns ihre Gedanken aufgeschrieben. Es ist eine schriftliche Wutrede geworden, gegen die stillen Bürger, gegen die CDU - und gegen den Neoliberalismus.

 

Es lässt sich nicht klein reden, nicht beschönigen oder wegpinseln. Sachsen scheint endgültig eine Art Symptomträger des allgemeinen Rechtsrucks in Deutschland zu sein. Und das ist keineswegs über Nacht passiert. Seit Kurt Biedenkopf hören wir uns an, wie immun Sachsen gegen rechts ist. Und diese Haltung existiert entgegen allem Offensichtlichen bis heute. Hat sich der Sachsens CDU-Ministerpräsident Stanislaw Tillich einmal klar und offensiv positioniert hinsichtlich Pegida? Nein, nicht wirklich. Aber ich erinnere Statements von ihm von der Sorte, Muslime könnten in Deutschland ihre Religion ausüben, doch der Islam gehöre nicht zu Sachsen. Oder: „Multikulti kann nicht funktionieren.“ Aus dem Bundesrat heraus, als Bundesratsvorsitzendender, zu Hoch-Zeiten von Pegida!

 

Ich erinnere auch seine erschreckend abwiegelnde Haltung nach Clausnitz. Was ist das? Flasche Öl - und dann hinein ins Feuer? Dazu ein sächsisches Innenministerium, dass sich irgendwo zwischen hilflos und stoisch zu bewegen scheint, ein Innenminister, der angesichts mangelhafter Polizeieinsätze seine Behörden nicht hinter sich weiß und deshalb nicht konsequent Verantwortung zeigt. Selbst der sächsische Verfassungsschutz - und der ist definitiv nicht im Verdacht, auf dem rechten Auge besonders sichtstark zu sein - hat Ende letzten Jahres festgestellt, es gibt ein explizit sächsisches Problem. Sachsen ist immer wieder „führend“ in der Anzahl asylfeindlicher Gewalttaten. Übergriffe gibt es bundesweit, aber es sticht immer wieder heraus. Und - das macht wiederum dem Integrationsministerium große Sorgen.

 

Diese hiesige Gewalt hat inzwischen eine sehr eigene Qualität: Sie richtet sich längst nicht mehr einfach nur dumpf rassistisch gegen vorbereitete Unterkünfte oder ähnlich, nein, sie richtet sich in den meisten Fällen direkt gegen das nackte Menschenleben. Und am besten bringt man das ganze Dorf gleich mit, damit alle jubeln und klatschen können. Die Erde ist also keine Scheibe, Pegida hat erheblich zur Gewaltbereitschaft beigetragen.

 

Ich erschrecke oft über die Sprache. Sie hat sich verschärft. Was einem nicht passt, wird verbal ausgegrenzt. Wenn dann im Hinblick auf die Homoehe Sätze fallen wie: „Klar, und demnächst kann man einen Staubsauger oder egal was heiraten.“ Es wird wieder lässig beim „Fidschi“ sein Gemüse eingesammelt oder bei dem „Nescher da“ der Einkauf gebucht. Dann kommt auch die Formulierung: „Ich bin kein Rassist, aber…“ und das ständige „die“ und „wir“ ganz beiläufig über die Lippen. Bis „alle ab nach Buchenwald“ oder „wollt ihr auf die Fresse?“ ist es dann nurmehr ein Schritt.

 

Da zeigt sich im Alltag eine extreme Verrohung der Sprache und des sozialen Miteinanders. Wenn wir denn überhaupt noch von Miteinander sprechen wollen. Denn zu jedem, der im Falle der Meinungsverschiedenheit oder Ausgrenzung dem Gegenüber mal eben schnell Auschwitz oder den Galgen an den Hals wünscht, gehört eine Familie, ein Sportverein, ein Stammtisch, die ganz offensichtlich nicht sagen: Merkst du gar nicht, was du da treibst?

 

Und das führt ins schmerzliche Zentrum der Sache. Es gibt eine breite gesellschaftliche Mitte, darunter auch sehr viel Bildungsbürgertum, die diese verheerende Entwicklung mit relativer Gelassenheit zur Kenntnis nimmt. Ja, es gibt immer wieder diesen smarten Konsens: Ein bisschen Rassismus, ein bisschen Ausgrenzung ist okay, Hauptsache keine Krümel auf der Tischdecke.

 

Also: Standortpolitik. Stanislaw Tillich tritt dann nach schweren Vorfällen ans Mikro, gesteht Betroffenheit ein, auch Scham, aber es folgt umgehend der Satz: „Das ist nicht unser Sachsen.“ Und da möchte ich widersprechen. Doch, das ist unser Sachsen. Und die Versäumnisse und die „nationalen Wallungen“ (Landtagspräsident Matthias Rößler) einer regierenden CDU tragen maßgeblich dazu bei. Man müsste schon sehr naiv sein, um die mehr als anbiedernde Nähe der sächsischen CDU zu AfD-Positionen zu übersehen. Und noch mal: Das ist die Haltung, die ein Bundesland seit über zwanzig Jahren mehrheitlich wählt, oder man geht gar nicht erst zur Wahl und winkt es so durch. Es scheint politisch nicht gewollt. Es sollen offenbar nicht wirklich Voraussetzungen geschaffen werden für eine multikulturelle, eine vielfältige Gesellschaft. Offiziell gibt man sich zwar beflissen, die Staatskanzlei verweist auf die Spezialeinheiten gegen Rechts; der Koalitionspartner, die sächsische SPD, darf auch ein bisschen Integrationspolitik machen. Aber andererseits lässt man die Gemengelage rund um Pegida gewähren.

 

Man lässt zu, dass sich in dieser Atmosphäre - und das ist die Meinung der Experten - die gewaltbereiten Strukturen Fleisch anfressen konnten, wie lange nicht. Es ist, als würde man sagen: Wir bemühen uns ja. Aber, liebe Geflüchtete, liebe migrantische Mitbürger*innen falls ihr euch hier aufhalten oder gar langfristig integrieren wollt, ihr merkt es selbst, die Stimmung ist nicht so danach. Subtext ist: Multikulti wollen wir nicht, Integration - keinen Bock drauf, und „Ja, ja, Brot für die Welt, aber Torte für uns!“ Besitzstandswahrung. Das ist das Bild, das Sachsen immer wieder in die Welt hinausschickt.

 

Ich möchte auch über strukturelle Probleme reden. Dass der Neoliberalismus sein Limit erreicht hat, ist offensichtlich. Aber von der Umsetzung etwa eines Grundeinkommens oder einer adäquaten Vermögenssteuer sind wir in Deutschland weit entfernt. Und eine Agenda 2010 würde wohl kaum ernsthaft einem „sozialpolitischen TÜV“ standhalten. Das ist natürlich kein regionales Problem. Und auch in Sachsen klafft die Schere immer weiter auseinander.

 

Allerdings gibt es in Sachsen zudem ein extrem ausgeprägtes Konkurrenzdenken. Ja, man will Vorbild sein unter den neuen Bundesländern, wir sind schuldenfrei (Dresden), wir gehen den eigenen Weg. Das, in Verbindung mit den versehrten Energien eines merkwürdig verinnerlichten, aber kaum mehr gelebten Protestantismus, ergibt eine beklemmende Mischung. Denn dieses dauernde Konkurrenzstreben hat eine bittere Kehrseite. Es gebiert viele Ängste und viele Verlierer. Und Pegida und AfD wissen sehr genau, wo sie in - ich sage es behutsam - postsozialistisch traumatisierten Kreisen emotional abschöpfen können.

 

Trotzdem machen die meisten weiter wie bisher. Natürlich sind da Menschen in extrem prekären Jobs unterwegs. Und auch die, denen es besser geht, sind enorm geplagt von Abstiegsängsten oder der Panik, die Leistung nicht zu halten. Aber oft genug auch scheinen Ängste nicht der realen Lebenssituation zu entsprechen. Dann steigen jene, die die angebliche Überfremdung am meisten fürchten, gerade ins teure Auto, bauen Eigenheime, und schaffen das nächste Smartphone an. Und ich frage mich, wer nimmt euch was weg? Dass die seltenen Erden im Smartphone nicht aus der sächsischen Schweiz stammen, sollte man ihnen vielleicht mal sagen. Dass unser Wohlstand auf einer immensen globalen Ungleichheit beruht, auch. Dass diese großen Migrationsbewegungen, wie wir sie derzeit erleben, mit all den tragischen Einzelschicksalen - die wir gerade so wunderbar bigott von uns weghalten -, dass diese Migrationsbewegungen (der Kolumnist Georg Diez hat dies so kürzlich formuliert) in hohem Masse Folge einer völlig degenerierten Globalisierung sind, von der wir alle bisher ganz gut profitiert haben, auch das könnte Politik längst ansprechen. Ja, das könnten verantwortliche Politiker*innen tun. Laut, ehrlich, souverän. Wir alle könnten uns das eingestehen. Und unser Handeln endlich darauf beziehen. Denn was, wenn wir diese so wertvolle demokratische Vereinbarung komplett gegen den Baum setzen, bis weit hinein in ein zweites Weimar - und da sind wir in Sachsen schon - nicht nur, weil die ersten sich radikalisiert und abgewandt haben, sondern auch, weil wir immer noch (!) diesen gehetzten neoliberalen Wahnsinn für unabdingbar erklären? Weil wir nicht bereit sind, eine Alternative zu denken? Weg von diesem ewig knallharten „Schneller, höher, weiter“, dem optimierungswahnsinnigen „Verkauf Dich, bis Du bekloppt wirst“, „Geiz ist geil“, „Wenn jeder für sich sorgt, ist für alle gesorgt.“ Was, wenn uns das am Ende auf die Füße fällt, wenn wir diese Reißleine längst verpasst haben?

 

Ist nicht jetzt der Moment, da wir hellwach bleiben sollten, wie Menschen es in anderen Teilen Europas längst tun? Geradezu klirrend wach, angesichts der angespannten Lage? Und dann feine, schöne politische Entscheidungen treffen. Was ist zum Beispiel mit der umfassenden Sozialarbeit in sächsischen Schulen, damit Integration gelingt? Mit der Jugendarbeit auf dem Land, damit Jugendliche eben nicht den Rechten in die Arme laufen? Was ist mit der sozialen Ungleichheit? Mit den migrantischen Kids, die längst hier leben und immer noch ausgegrenzt werden. Sie bräuchten Räume, um anzukommen. Was ist mit uns los? Ist wirklich jeder Winkel unseres Lebens durchtränkt von dieser alles verzehrenden Steigerungsidee? Oder haben wir noch zweckfreie Räume, in denen Platz ist für Vertrauen, für Respekt und Hingabe?

 

Seit einem halben Jahr denke ich im Rahmen von Volker Löschs Inszenierung „Öderland/ Wir sind das Volk“ in Dresden immer wieder offen auf der Bühne über diese Fragen nach. Oft geht mir dabei die Puste aus. Oft würde ich am liebsten einfach aufstehen und gehen. Ich fluche und hadere mit diesem Sachsen, in dem ich trotz allem leidenschaftlich Theater spiele und eine Tochter groß ziehe. Aber es sind auch unglaublich viele konstruktive Diskussionen entstanden. Mit ansässigen Journalist*innen, politisch engagierten Linken, mit Menschen aus unterschiedlichsten Bereichen. Und immer wieder ist da die Lust. Die Sehnsucht. Viel Zähigkeit. Initiative und Solidarität. Aber eben noch nicht genug. Davon braucht es mehr, viel mehr.

 

Ich glaube nicht an Abschottung, nicht mal an Grenzen. Aber an ein vielfältiges multikulturelles Miteinander, mit allen Herausforderungen. Und daran, dass wir die Zukunft nicht den Rechten überlassen werden. Auch nicht in Sachsen. Ich finde, es ist keine Frage der Empathie, sondern einfach eine politische Verpflichtung, Menschen, die in ihrer Not vor unserer Türe stehen, nicht wegzuschicken. Wenn wir etwas Radikales brauchen, dann eine Politik der radikalen Mitmenschlichkeit und Solidarität.