Journalist arbeitete undercover bei "Russia Today" – das hat er erlebt

 

Über die „Erlebnisse“ von Martin Schlak

 

http://www.huffingtonpost.de/2016/10/10/undercover-russia-today_n_12432830.html?utm_hp_ref=germany

 

„Der fehlende Teil zum Gesamtbild“ oder „Putins Propagandasender“? Die Meinungen über den Kreml-nahen Medienkonzern „Russia Today“ gehen auseinander. Im Westen ist der Staatssender, der auch eine deutsche Online-Ausgabe betreibt, bei vielen verschrien – als russische „Waffe im Informationskrieg“.

 

Doch weil gerade die etablierten Medien an Vertrauen einbüßen, wenden sich immer mehr Leser in Deutschland dem dubiosen Putin-Medium zu. Ein Journalist des Magazins „Neon“ hat sich nun als Praktikant bei „RT Deutsch“ eingeschlichen – und berichtet in einer anschaulichen Reportage, was er in der Berliner Redaktion erlebte.

 

Undercover-Einsatz wird zum Psychotest

 

Seine Zeit bei dem Medium wird für Schlak so auch zum psychischen Test: Denn er selbst entdeckt, dass seine neuen Kollegen ihm gar nicht mal unähnlich sind. Und stellt sich angesichts der Berichterstattung von „RT“ schon bald die Frage: „Nenne ich dieses Werben vielleicht voreilig Propaganda?“

 

Besonders laut wird dieser Zweifel in ihm, als die Meldung über den syrischen Jungen Omran die Redaktion erreicht, dessen Foto im Westen zum Symbol der Grausamkeit des Syrienkrieges wurde. Viele deutsche Medien nehmen das Bild des syrischen Jungen, der verwundet in einem Krankenwagen in Aleppo sitzt, zum Anlass, den russischen Einsatz an der Seite des syrischen Präsidenten Bashar al-Assads massiv zu kritisieren.

 

Journalist plagen Zweifel: Ist das wirklich Propaganda?

 

In der „RT Deutsch“ Redaktion herrscht ein anderer Tenor. Schlak berichtet über ein Gespräch mit einem Redakteur: „Es sei doch verwunderlich, sagt Dominik, wie neu der Krankenwagen ausschaue. Nagelneu, in einem Kriegsgebiet. Und woher kämen auf einmal die vielen Kameramänner? Könnte das Video nicht gezielt lanciert worden sein, fragt ein Kollege, um damit der Assad-Regierung zu schaden?“

 

Schlussendlich titelt das Putin-Medium: „Kontakte zu Extremisten: Wer ist der Fotograf von syrischem Jungen Omran?“ Und Schlak resümiert: „Wie kann ich ausschließen, dass diese Szene inszeniert ist?“ Er sei nicht vor Ort gewesen, als es passiert sei. Das Video könne so ein Dokument des Krieges und ebenso ein Werk der Propaganda sein.

 

Andere Szenen, machen ihm ein Urteil leichter: So berichtet Schlak von einer Morgenkonferenz der Onlineredaktion. Deren Leiter habe diese mit den Worten „Freunde der Propaganda!“ begonnen. „Er findet das offenbar lustig“, schreibt der vermeintliche „RT“-Praktikant.

 

"RT"-Chefredakteur: "Wir kriegen keine Vorgaben aus Moskau"

 

Propaganda, das könnte man auch dem „RT Deutsch“-Chefredakteur Ivan Rodionov vorwerfen. Doch der versichert Schlak, es habe noch nie eine direkte Vorgabe aus Russland gegeben. Nach vielen Gesprächen mit Rodionov kommt der Undercover-Journalist zu dem Urteil: „Ivan muss nicht in seiner Meinung beschnitten werden, er denkt wirklich so“.

 

Es gehe bei „Russia Today“ vor allem darum, Russland als Opfer darzustellen, westliche Ansichten als Propaganda zu diffamieren – und zu „triumphieren, wenn die US-Regierung einen Fehler eingestehen muss“.

 

Einmal habe er dem Chefredakteur ein kreml-kritisches Thema vorgeschlagen, dieser habe erklärt, er würde die Originalquelle prüfen – und dann nicht weiter reagiert.

 

Psychologe: "Menschen wollen stimmiges Bild von der Welt"

 

Schlak spricht mit dem Psychologen Markus Appel, um seine Erfahrung einzuordnen. „Menschen mögen ein konsonantes Bild von der Welt, das in sich stimmig ist. Wenn ich Informationen aufnehme, die dem widersprechen, ist es mühsam, sie in das Gesamtgefüge einzubauen“, erklärt der ihm.

 

Schlaks Fazit: Eben das ist die wahre Gefahr von „Russia Today“. Das Medium verbreitet ein einseitiges Weltbild für Menschen am linken und rechten Rand der Gesellschaft, die den klassischen Medien chronisch misstrauen. Und die dort, eine einfache Wahrheit bekommen, die sie nicht weiter hinterfragen brauchen.