Rechtspopulistische Gesprächsstrategien - Eine Übersicht

Von Simone Rafael

http://linkis.com/netz-gegen-nazis.de/1CLAH

 

Wer in Sozialen Netzwerken kommentierend unterwegs ist, begegnet ihnen überall: Es gibt eine ganze Reihe rechtspopulistische Gesprächsstrategien, deren Ziel es ist, einen vernünftigen, sachlichen Austausch zu Themen wie Geflüchtete, Rechtsextremismus oder Minderheitenschutz unmöglich machen. Gehen Sie diesen Strategien nicht auf den Leim und stecken Sie Ihre Zeit in sinnvolle Diskussionen - eine Übersicht.

 

Strategie 1: Themenhopping

Strategie 2: Propaganda-Spam

Strategie 3: Politisierung unpolitischer Diskurse

Strategie 4: Pseudowissenschaft / Falsche "Fakten"

Strategie 5: Whataboutism

Strategie 6: Der Shitstorm

Strategie 7 : Personalisierte Lügen

Strategie 8: "Bürgerlicher" Rassismus

Strategie 9: Nazis rufen „Nazis raus“ / Täter-Opfer-Umkehr

 

Strategie 1: Themenhopping

 

Was?

Ein Posting, diverse Streitthemen – unmöglich, darauf vernünftig zu reagieren. Haben Sie gegen eine „Baustelle“ argumentiert, kommt der Poster mit der nächsten Provokation.

 

Gegenstrategie?

Entweder: Auf ein Thema festnageln und nur dieses diskutieren

Oder:  Strategie benennen, Störer ausbremsen („Sie wollen hier mit ihren vielen Thesen doch nur die Diskussion stören. Auf Ihren Post antworten wir nicht, wir diskutieren zu Thema xy“).

 

Strategie 2: Propaganda-Spam

 

Was?

Rechtsextreme und Rechtspopulist_innen haben viel Zeit und sind beseelt von der Verbreitung ihrer Ideologie: Das heißt auch „Copy & Paste“-Spam, entweder ganz viele Postings in einer Diskussion, oder immer die gleichen Postings auf ganz vielen Seiten.

 

Gegenstrategie?

Entweder: Entlarven: Nachfragen (da kommt meist nicht mehr viel)

Oder: Don’t feed the Troll: Einmal den Rassismus, die Menschenfeindlichkeit oder Abwertung des Absenders benennen, dann ignorieren.

 

Strategie 3: Politisierung unpolitischer Diskurse

Was?

Eben haben Sie noch über z.B. Kochrezepte diskutiert. Doch dann kommt ein Beitrag wie „Einen guten deutschen Lebensmittelladen findet man doch gar nicht mehr, überall nur noch die mistigen Türkenbuden.“  Aktuelle Variante:  An allem sind Geflüchtete Schuld.

 

Gegenstrategie?

Entweder: Rassismus benennen und abweisen: „Das ist verallgemeinernd und abwertend rassistisch, das möchten wir nicht in unserem Gespräch haben“ (gegebenenfalls auch auf Diskussionsregeln / AGBs verweisen), danach zum Gespräch zurückkehren.

Oder:  Falsche „Fakten“ zurückweisen und wiederlegen („Also, bei uns gibt es viele verschiedene Lebensmittelgeschäfte.“ „Die Geflüchteten sind nicht daran schuld, dass Sie keinen Sport mehr machen können – es sind deutsche Politiker, die sie in Turnhallen unterbringen.“)

 

Strategie 4: Pseudowissenschaft / Falsche "Fakten"

Was?

Wenn „Studien“ oder „Statistiken“ zitiert werden,  bekommen rassistische Thesen den Eindruck des objektiv Beweisbaren.  Zudem macht es das Dagegenargumentieren schwer.

 

Gegenstrategie?

Nachfragen:  Gibt es einen Link, eine Quelle, wer hat die Studie gemacht?

Prüfen:  Wie seriös sind die Autor_innen, welche Intention hatte ihre Befragung, sind die Daten richtig interpretiert?

Wenn Ihnen gerade Gegen-Zahlen fehlen oder die Zeit zur Prüfung fehlt: Benennen Sie, was sie stört („Die Fragestellung klingt schon rassistisch.“ „Wer wurde denn hierfür  befragt?“)

 

Strategie 5: Whataboutism

Was?

Rassist_innen zünden Flüchtlingsheime an? Ja, aber was ist mit Linksextremen, die Autos anzünden? Whataboutism ist die Relativierung einer Aussage durch eine Gegenaussage, die eigentlich nichts mit der Ursprungsaussage zu tun hat – denn dass es z.B. neben rechtsextremer Gewalt auch „Ausländerkriminalität“ oder linksextreme Gewalt gibt, macht nichts von allem besser oder weniger schlimmer. Und eines ist auch nicht die Begründung für das andere.

 

Gegenstrategie?

Wer so antwortet, mit dem ist ein Gespräch nicht möglich. Nicht provozieren lassen.

Fehlenden Zusammenhang benennen, beim eigentlichen Thema bleiben.

 

Strategie 6: Der Shitstorm

Was?

Aktuell enorm beliebt: Rechtspopulistische Seiten schießen sich auf ein Thema, eine Institution, einen Akteur ein – und überfluten die Kommunikationsplattformen mit Vorwürfen, Anschuldigungen und schlechten Bewertungen auf Facebook oder Google.

 

Gegenstrategie?

Ruhig bleiben. Es ist nicht Ihr Umfeld, Ihre Kund_innen oder Besucher_innen, die durchdrehen,  weil sie Geflüchtete unterstützen – sondern dies geschieht durch gezielte Aufrufe auf rechtspopulistischen oder rechtsextremen Seiten (sieht man z.B. daran, dass der Shitstorm oft erst Monate nach dem Start einer Aktion kommt).

Online einfach durchstehen:  Je nach Temperament, Linie und Kapazität die Shitstorm-Beiträge löschen oder stehen lassen. Sinnvoller, als alle einzelnen Postings zu bearbeiten (Zeit!), ist ein einleitendes Statement, dass die Position darlegt.

 

Strategie 7: Personalisierte Lügen

Was?

„Die Cousine des Bruders meiner Kollegin arbeitet im Flüchtlingsheim, und da hat…“ Lügen über angebliche Kriminalität, skandalöse Sozialleistungsbezüge oder unverschämtes Verhalten von Geflüchteten oder Migranten wirken besonders glaubwürdig, wenn sie als „persönliches Erleben“ vorgetragen werden.

 

Gegenstrategie?

Weitere Quellen einfordern („Gibt es dazu auch einen Pressebericht?“)

Nachprüfen vor Teilen:  Polizei, Amt oder angeblich betroffenes Unternehmen fragen, auf der Internetseite Mimikama.at recherchieren, Tools wie die Googlesuche oder die Google-Rückwärts-Bildersuche nutzen, um herauszufinden, ob das „Erleben“ aus dem Internet kopiert wurde, eventuell sogar aus dem Zusammenhang gerissen (z.B. schon Jahre alte Katastrophen-Bilder als aktuelle Bilder von Geflüchteten).

 

Strategie 8: „Bürgerlicher“ Rassismus

Was?

„Ich bin kein Rassist, aber…“, „Nennen Sie  mich nicht rassistisch, nur weil ich…“, „Man wird ja wohl noch sagen dürfen“: Menschen wollen gern Rassistisches, Islamfeindliches, Rechtsextremes, Demokratiefeindliches oder Menschenverachtendes sagen, aber sie möchten ihre bürgerliche Fassade wahren und nicht als Rassist_innen, Islamfeinde, Nazis oder Menschenfeinde bezeichnet werden.

 

Gegenstrategie?

Ihnen sagen, dass sie es trotzdem sind oder dass sie es sein können, auch wenn sie das gar nicht wollten – und ihnen bestensfalls erklären, wieso („Sie verallgemeinern über alle Einwohner eines Landes / Anhänger einer Religion.“ „Wenn sie sagen, das Asylrecht gehöre abgeschafft, heißt das, dass die Menschen aus Kriegsgebieten dort sterben sollen.“  „Wenn Sie der Meinung sind, die Grenzen sollen dicht sein, heißt das Schießbefehl auf Familien an der Grenze.“)

  

Strategie 9: Nazis rufen „Nazis raus“ / Täter-Opfer-Umkehr

Was?

Diskreditierung des Engagements gegen Rechtsextremismus, Rassismus und GMF als undemokratisch gibt es in den Varianten

Opferrhetorik:

Ist das Eure Meinungsfreiheit, wenn hier meine Kommentare gelöscht werden?

Wer wird denn von „Lügenpresse“, „Meinungsdiktatur“ und „Political Correctness“ unterjocht, zensiert, verboten – wir Rechtspopulist_innen und Nazis, entweder a) die "wahren“ Opfer oder b) die „wahren“ Demokrat_innen.

Tabubrecher-Rhetorik:

Sonst traut sich ja keiner, was zu sagen!

Darüber wird nie berichtet!

Linksextremismus

Die „Gutmenschen“ sind alle selbst Extremisten, nicht wir.

Nazis

Die "Gutmenschen" sind die wahren Anti-Demokraten, weil sie Nazis / Sexisten / Rassisten etc. nicht (unkommentiert) zu Wort kommen lassen.

 

Gegenstrategie?

Vorwurf abweisen und erklären, dass...

 

.... man qua Meinungsfreiheit alles sagen darf, was Grundgesetz und / oder Diskussionregeln entspricht, nur eben nicht Volksverhetzung, Holocaustleugnung, Beleidigung und abwertende Diskriminierung und Gewaltaufrufe – zum „Opfer“ von „Zensur“ machen sich Teilnehmer_innen selbst, weil sie sich daran nicht halten.

.... keine_r  extrem ist, wenn er oder sie  sich für demokratische Kultur und Menschenrechte einsetzt, sondern empathisch und vernünftig.  

... es keine „Tabus“ gibt, nur weil Medien oder Politik die Welt nicht gemäß der eigenen Weltsicht interpretieren.

 

 

Und dann wenden Sie sich wieder den freundlichen Menschen zu, die an einer wirklichen Diskussion interessiert sind.