Der „Putin-Clan“: Aggression als Lebensversicherung

 

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Die Enthüllungen über die gigantischen Vermögen von Putins Vertrauten aus den Panama Papers und dessen Konfliktkurs mit dem Westen haben auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun. Wer aber genauer hinter die Kulissen des System Putin blickt, wie unser Autor Boris Reitschuster, dem wird klar, dass beides untrennbar miteinander verbunden ist.

 

 

Schon bisher gab es viele Indizien dafür, dass Wladimir Putin und seine kleine Clique von ehemaligen Petersburger KGB-Kameraden und Freunden sich in einem Ausmaß auf Staatkosten bereichern, welches selbst für russische Verhältnisse kaum vorstellbar ist. Es geht dabei um Milliarden. Die Verknüpfungen zwischen dem „Putin-Clan“ und der Mafia, insbesondere der Tambow-Gruppe aus Sankt Petersburg, sind ebenso offensichtlich wie überwältigend im Detail – bei den Recherchen für mein neues Buch „Putins verdeckter Krieg“ verschlug es mir immer wieder den Atem. Erstaunlich ist, dass diese Mafia-Verbindungen in Russland selbst und auch im Westen verdrängt werden – sie sind wohl derart erschreckend und angsteinflößend, dass man lieber so tut, als sehe man nichts.

 

Mit den neuen Enthüllungen wird diese Verdrängung allerdings ein Stück schwieriger – weniger in Russland, wo die großen Medien die Informationen aus den Panama Papers über die eigene Führung totschweigen, als vielmehr im Westen. Dass einer der engsten Freunde des Präsidenten, ein Geiger, der von sich selbst sagte, er sei kein Geschäftsmann und habe keine Millionen, mit gigantischen Geldsummen hantiert, hat mehr als einen faden Beigeschmack – und das ist nur die Spitze des Eisberges.

 

„Der russische Staat ist nicht korrumpiert und nicht mit der organisierten Kriminalität verwoben. Er ist die organisierte Kriminalität, und das verbrecherische Regime ist keine Metapher, sondern die nüchterne Bezeichnung der Sachlage“, schrieb im Januar 2016 der in Berlin lebende russische Autor Nikolai Klimeniouk: „Das Regime (…) besteht aus Kriminellen, es benimmt sich kriminell und spricht jetzt auch wie ein kleiner Gauner.“

 

Wladimir Putin hat nach Meinung der britischen Sunday Times und der tschechischen Lidové noviny in den Jahren, die er an der Macht ist, ein Imperium geschaffen, das 130 Milliarden britischer Pfund wert ist. Der „Putin-Clan“ ist demnach auf Platz eins der Liste der reichsten „Familien“ der Welt – also der Clans, die ihren Reichtum aus Korruption schöpfen.

 

Putins Tochter Katerina Tichonowa leitet mit kaum 30 Jahren einen Innovationsfonds und den 1,7 Milliarden US-Dollar teuren Ausbau eines Uni-Campus. Sie ist verheiratet mit Kirill Schamalow, Sohn eines Putin-Freunds, der Großaktionär des Petrochemiekonzerns „Sibur“ und Milliardär ist – offenbar dank großzügiger Geschenke eines anderen Putin-Vertrauten. Beispiele dieser Art lassen sich schier endlich aufzählen; Kreml-Kritiker sprechen angesichts der Reichtümer und Karrieren der Sprösslinge aus dem „Putin-Clan“ von „Putins Wunderkindern“.

 

Der Kreml-Chef sei der reichste Mann der Welt, glaubt Sergei Pugatschow, ein Ex-Banker, der lange Jahre als „Putins Kassierer“ galt, dann in Ungnade fiel und heute im Exil in Europa lebt. Alles, was Russland gehöre, betrachte Putin als sein Eigentum. Der Ex-KGBler sei nie Politiker gewesen und auch keiner geworden, Diskussionen hätten ihn noch nie interessiert, er sein ein komplexbeladener Mensch, so der Ex-Banker Pugatschow: „Putin ist kein böses Genie, der ein kriminelles Regime schaffen wollte, wie wir es heute haben. Er hat sich mit Gesinnungsgenossen umgeben, Kameraden aus dem KGB, die er nicht allzu gut kannte. Und die haben sofort angefangen, sich zu bereichern.“

 

Entscheidend und leider völlig unterschätzt ist: Eben dieser mafiöse Charakter seines Systems macht für Putin wirkliche Reformen genauso unmöglich wie eine friedliche Existenz neben der EU und den USA. Würden die Männer des „Putin-Clans“ auf Pressefreiheit und Rechtsstaatlichkeit in Russland setzen, so würden über kurz oder lang die dunklen Quellen ihres Reichtums Gegenstand von großen Berichten und Gerichtsverfahren. Echte Reformen würden Putins Überleben gefährden – möglicherweise nicht nur sein politisches.

 

Ebenso wichtig wie die Kontrolle über Medien und Gerichte ist für den „Putin-Clan“, dass sich Russland ständig im Konflikt mit dem Ausland befindet: Nur solange man den Menschen in Russland einreden kann, das Vaterland sei in Gefahr und böse Feinde hätten sich gegen die Herrschenden verschworen, lassen sich Enthüllungen wie jetzt durch die Panama Papers und die ausufernden Armut im Land als Folgen der „Aggressionen von USA und der EU“ abtun.

 

Ausgerechnet die privat völlig auf den Westen ausgerichteten Mitglieder des Putin-Clans, die ihre Villen, Gelder, Geschäfte und oft auch ihre Familien im Westen haben, von denen einige sogar die Staatsbürgerschaft westlicher Länder haben, machten im Inland den Hass gegen den Westen zur Staatsdoktrin. Das System Putin braucht äußere Feinde und ständige Konflikte wie die Luft zum Atmen: Ohne sie würde sich die Aufmerksamkeit der Russen auf Themen konzentrieren, die für Putin und seine Clique gefährlich wären: die riesige soziale Ungleichheit, die Allmacht und Willkür der Apparatschiks, die mangelnde Rechtsstaatlichkeit, sowie die Korruption und die mafiösen Machenschaften an der Staatsspitze.