Morddrohungen gegen afrodeutschen Pfarrer

 

http://www.br.de/nachrichten/oberbayern/inhalt/zorneding-pfarrer-morddrohungen-100.html

 

Der Rücktritt des Zornedinger Pfarrers Olivier Ndjimbi-Tshiende schlägt hohe Wellen. Der gebürtige Kongolese sah sich in seiner Gemeinde massiven Beleidigungen und Drohungen ausgesetzt und trat gestern zurück. CSU-Chef Seehofer bezeichnete die Anfeindungen gegen den Geistlichen im Gespräch mit dem BR als "völlig inakzeptabel".

 

Er fühle sich jetzt erleichtert, sagte der Pfarrer am Montagmorgen und bitte um Verständnis für seinen Abschied am Ende des Monats. Gestern hatte Olivier Ndjimbi-Tshiende die Gemeinde im Gottesdienst über seinen Weggang aus der Pfarrei unterrichtet. Ausschlaggebend seien "die Erfahrungen der letzten Zeit." Die Situation sei sehr belastend für ihn gewesen. Näheres führte er nicht aus.

 

Es ist das Ende einer Eskalation - ein Musterbeispiel dafür, was Worte anrichten können. Im Oktober 2015 hatte die Zornedinger CSU-Politikerin Sylvia Boher im Parteiblatt "Zorneding Report" gegen eine "Invasion" afrikanischer "Militärdienstflüchtlinge" gehetzt. Der Pfarrer - ein gebürtiger Kongolese - widersprach ihren Thesen, worauf Bohers Parteifreund Johann Haindl ihn als "Neger" titulierte (siehe Kasten unten). In den folgenden Monaten erhielt Ndjimbi-Tshiende Schmähbriefe und massive Drohungen, bis er jetzt einen Schlussstrich zog.

 

Die "Grundstimmung am Ort": tief gespalten

Das Erzbistum nahm das Abschiedsgesuch des Pfarrers mit großem Bedauern an. Die Kirchengemeindemitglieder reagieren zum Teil schockiert. Der evangelische Pfarrer Manfred Groß berichtet, sein katholischer Kollege habe ihm mehrmals erzählt, dass er auch in seiner Zeit vor Zorneding immer wieder wegen seiner Hautfarbe beleidigt worden sei. Groß will im Kirchenvorstand und im Gespräch mit der politischen Gemeinde darauf dringen, ein gemeinsames Zeichen gegen Rassismus zu setzen.

 

Auch Zornedings erster Bürgermeister Piet Mayr bedauert den Abschied des Pfarrers; die Vorgänge gäben "nicht die Grundstimmung am Ort wieder". Hinter den Drohungen vermutet er "Psychopathen". Doch die Gemeinde ist gespalten. 2014 sorgte die Unterbringung von 35 minderjährigen Flüchtlingen für Auseinandersetzungen; eine Schule, die ein Hilfsprojekt erarbeitete, wurde mit fremdenfeindlichen Mails bombardiert. Im November 2015 erteilte Mayr auf einer Versammlung Flüchtlingshelfern unter Verweis auf die Gemeindeordnung Redeverbot, wofür er lauten Beifall erhielt.

 

Die CSU-Spitze hatte sich heute beharrlich zu dem Rücktritt des Pfarrers ausgeschwiegen, Generalsekretär Andreas Scheuer hatte sogar die Bitte des BR um eine Stellungnahme abgelehnt und dafür viel Kritik eingesteckt. Umso deutlicher äußerte sich Grünen-Fraktionschefin Margarete Bause. Der Pfarrer sei "Opfer eines fremdenfeindlichen Mobs, der sich auch durch die nur halbherzig zurückgenommenen rassistischen Äußerungen der örtlichen CSU-Funktionäre befeuert fühlen durfte."

 

Seehofer veruteilt Geschehen als "völlig inakzeptabel"

Erst am Nachmittag erklärte der CSU-Vorsitzende Horst Seehofer gegenüber dem BR:

 

"Das ist völlig inakzeptabel und ich verurteile das total. Die bayerische Polizei und Justiz muss alles daran setzen, das aufzuarbeiten. Null Toleranz ist da bei uns in Bayern der Maßstab."

Horst Seehofer

 

Einen Zusammenhang mit der Rolle der CSU vor Ort wollte Seehofer allerdings nicht erkennen. "Das wurde damals von den Verantwortlichen schon aufgearbeitet."

 

Auch die CSU-Bezirksvorsitzende, Staatsministerin Ilse Aigner, und der CSU-Kreisvorsitzende Thomas Huber verurteilten mittlerweile die Umstände, die zum Rücktritt von Ndjimbi-Tshiende führten.

 

"Wir bedauern den Rücktritt von Pfarrer Olivier Ndjimbi-Tshiende zutiefst und verurteilen die Umstände, die dazu geführt haben, auf das Schärfste! Diejenigen, die solche Drohungen aussprechen, müssen mit aller Härte des Gesetzes verfolgt und bestraft werden. Ausländerfeindlichkeit und jede Form von Rassismus dürfen nicht toleriert werden."

Ilse Aigner und Thomas Huber

 

Aigner: CSU trifft keine Schuld

Wie Parteichef Horst Seehofer stritt aber auch sie jede Verbindung zur Rolle der CSU ab:

 

"Wir verwahren uns aber auch gegen Unterstellungen, dass die CSU mit den Drohungen gegen Pfarrer Olivier Ndjimbi-Tshiende in irgendeiner Verbindung steht. Einen solchen Zusammenhang herzustellen, ist böswillig."

Ilse Aigner und Thomas Huber in einem schriftlichen Statement

 

Wohin der Zornedinger Pfarrer jetzt wechselt, ist noch nicht bekannt. Ndjimbi-Tshiende bittet um Verständnis dafür, dass er keine weiteren Interviews geben und sich nicht mehr zu den Vorgängen äußern wolle.

 

Der 66-Jährige, der 1979 die Priesterweihe empfangen hat, ist habilitierter Philosoph. Seit 2009 gehört er dem Münchner Diözesanklerus an, seit 2012 ist er Pfarrer in Zorneding. Bei seiner Einführung hatte das CSU-Blatt "Zorneding Report" noch über "das Glück" geschrieben, "als Pfarrer an einen Ort gekommen zu sein, wo viele Gläubige noch Heimat empfinden und gestalten". Ndjimbi-Tshiende selbst hatte seine "Vision für die Gemeinde" in einem Vorstellungstext so formuliert:

 

"Die schwierigste Aufgabe des Menschen als solchem scheint wohl dies zu sein: Verstehen und verstanden werden (...) Wo Menschen sind, entstehen auch Probleme, diese sind mit der Vernunft zu lösen, Emotionen lassen eher die Lage explodieren."

Olivier Ndjimbi-Tshiende 2012

 

"Nach der Vorabendmesse bist du fällig"

Die Äußerungen der CSU-Lokalpolitiker scheinen das Klima in Zorneding massiv verschlechtert zu haben. Noch im Oktober hatte Pfarrer Olivier Ndjimbi-Tshiende in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung erklärt, er habe bisher in Zorneding keine Ausgrenzung erfahren. Danach erhielt er immer mehr Schmähpost, darunter auch massive Drohungen mit Formulierungen wie "Ab mit dir nach Auschwitz" und "Nach der Vorabendmesse bist du fällig". In drei Fällen hat der Pfarrer Anzeige erstattet. Die Behörden ermitteln wegen Volksverhetzung, Beleidigung und Bedrohung.