Als Syrer beim Karneval

 

Von Valerie Schönian, Köln

http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2016-02/koeln-karneval-fluechtlinge-syrer-silvester

 

Fady Jomar bekommt einen Stock in die Hand gedrückt, an dessen Ende ein Luftballon hängt. Dann den Blumenkranz auf den Kopf, einmal zum Spaß die Arme in die Luft werfen – dann ist er bereit. "Jetzt kannst du Karneval feiern," sagen die Feen. Sie stehen zusammen auf dem Heumarkt in Köln. Vorne zeigt eine Leinwand das Konzert einer Blaskapelle, an der Bar stoßen Jack Sparrow und vier Fröschinnen an. Frauen schneiden die Schlipse der Männer ab, die haben an Weiberfastnacht nichts zu melden. Keine Stunde zuvor hat Oberbürgermeisterin Henriette Reker offiziell den Beginn des Straßenkarnevals eingeläutet. Jomar lacht, die vier Feen, die normalerweise Studentinnen sind, auch. Es regnet, aber egal: Kölle Alaaf, es ist Karneval! Jeder ist heute Kölner, sagen die Kölner. Jomar auch?

 

Fady Jomar ist 37 Jahre alt und kommt aus Damaskus in Syrien. Er arbeitete dort als Journalist und Autor, bis er Bomben auf Menschen fallen sah und beschloss, zu fliehen. Seit einem halben Jahr ist er in Deutschland, er lebt in Marienheide. Mit dem Zug sind es mehr als eineinhalb Stunden von dort nach Köln. Jomar ist trotzdem ständig hier. Er war schon immer Stadtmensch. Er hat nicht an das Regime geglaubt und auch nicht an die Religion. Er trinkt Bier, er raucht Zigarillos. Er mag keine überfüllten Feste und ihren Lärm, blieb Silvester Zuhause.

 

Jetzt aber will er den Karneval sehen. Ein Freund hat ihm erklärt, das seien die Tage, an dem die Menschen von ihrem Alltag pausieren. Jomar hatte keine Ahnung, dass das heißt: Verkleidete Menschen trinken um acht Uhr morgens neben ihm im Zug Bier aus Dosen.

 

Als Jomar in Köln ankommt, will Jomar nicht reden, will keine Erklärungen, er will los: "Ich will alles auf mich wirken lassen." Für ihn ist es der erste Karneval überhaupt. Für die Kölner und anderen Festbesucher aus der Umgebung ist es der erste nach Silvester. Auf den Tag genau fünf Wochen ist es her, dass Hunderte Frauen ausgeraubt und sexuell belästigt wurden. Mehr als 1.000 Anzeigen sind mittlerweile bei der Polizei eingegangen.

 

Die Stadt hat dementsprechend vorgesorgt: 2.000 Beamte sind an Weiberfastnacht im Einsatz, dazu 350 Polizeianwärter, insgesamt doppelt so viele wie 2015. An mehreren Plätzen hat die Stadt Beleuchtungsanlagen aufgestellt – "Hellräume", die auch nachts nicht düster werden. Fahrzeuge sind mit Videoüberwachung, Beamte mit Bodycams ausgerüstet. Bei der Vorstellung des Sicherheitskonzeptes sagte Henriette Reker, Silvester dürfe sich nicht wiederholen: "Wir haben alles dafür getan, dass alle in Köln das Gefühl haben können, sicher zu sein."

 

Jomar hat immer noch ein wenig Angst vor Polizisten. Er weiß, sie sind für die Sicherheit hier und man kann ihnen vertrauen. Aber in Syrien ist das eben anders.

 

Von wegen Papierkram

 

Er verlässt jetzt den Bahnhof, weg von den lauten Trommeln und den Gesängen in der Halle, hinaus ins Freie; dorthin, wo der Kölner Dom steht, an dem ein Banner hängt, das vor Rassismus warnt. Es sind so viele Kostüme auf der Straße unterwegs, dass man sich bemühen muss, einzelne zu erkennen. Welches Kostüm er am besten findet? "Ich weiß es nicht", sagt Jomer. An ihm vorbei laufen Pandas, Harry Potter und Power Rangers.

 

Als Jomar nach Deutschland kam, habe ihn am meisten überrascht, wie viel Zeit Deutsche in ihre Bürokratie und Papierarbeit stecken. Imponiert habe ihm, wie gründlich sie dabei sind, und wie hart sie arbeiten. Das will er von ihnen lernen, will das mit zurück in seine Heimat nehmen, nach dem Krieg.

 

Doch heute ist von all der Genauigkeit und all dem Papierkram nichts zu sehen. "Sie arbeiten hart und sie feiern hart – das ist schon zu bewundern." Jomer lacht, wie oft an diesem Tag. Es läuft Viva Colonia, ein Helikopter kreist über der Stadt. Ein Hund und ein Hase fallen sich in die Arme. "Sie vergessen alle Probleme des Alltags und lassen sich fallen", sagt Jomar, der daneben steht.

 

Wie das geht? "Einfach fröhlich sein, die Sorgen vergessen, Bier trinken, verkleiden", erklären Karin und Uschi. Die beiden, "sagen wir Ü-50"-Jahre alten Frauen fahren seit Jahrzehnten zum Karneval, kennen die besten Tricks für günstige Kostüme (Filzdecke für drei Euro und Papierblumen darauf kleben). "Hier redet jeder mit jedem, egal, wo er her ist ", sagen sie. Jomar erklärt ihnen seine Bewunderung: "Ich habe noch nie so viele Leute in diesem Alter feiern sehen. Wie machen Sie das?" Die Frauen lachen und heben zur Antwort die Gläser. Jomar: "Ich frage mich die ganze Zeit: Was würden meine Eltern denken?"

 

Niemand in Köln scheint sich den Karneval von irgendwelchen Vorkommnissen verderben lassen zu wollen. Karneval ist dafür da, die bösen Geister zu vertreiben.

 

Aber wenn man die Leute gezielt nach Silvester fragt, erzählen sie von Freunden, die sie überreden mussten mitzukommen oder die Zuhause geblieben sind. Schüler mussten diesmal mit ihren Eltern streiten, bevor sie losziehen durften.

 

Es ist auch leerer als in den vergangenen Jahren. Einige sagen, es liege am Regen. Davon ließen sich Jecken eigentlich nicht abhalten, erwidern andere. Schuld sei Silvester, aber auch die Terrorgefahr, von der spätestens seit Paris ständig die Rede ist.

 

An der Bierschanke stehen zwei Männer in gelben Ganzkörperanzügen, Chemikerkostüme; in der Hand eine Plastiktüte mit blauen Hustenbonbons, die Crystal Meth sein sollen. Über die Terrorgefahr werde heute nicht geredet, sagen sie, aber der Gedanke daran sei schon im Kopf. Der Gedanke, dass es hier passieren könnte, beim Karneval: viele Menschen, ein Fest als Symbol für das westliche Leben. Die Männer wissen zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass die Polizei Islamisten festgenommen hat, die einen Anschlag in Berlin geplant haben sollen.

 

Ein Lachen als Verkleidung

 

Jomar hat keine Angst, als er durch die Kölner Straßen läuft. Er sagt, die theoretische Gefahr einer Bombe aus einer Menge wirke ziemlich ungefährlich, wenn die Bomben normalerweise aus der Luft kommen, von wo aus sie alle treffen. Wenn man gesehen hat, wie sie auf Menschen fallen.

 

Am Morgen hat Jomar auf seinem Facebook-Profil gepostet, dass er zum Karneval fährt. Er schrieb, alle würden sich an diesem Tag verkleiden in Köln. Und dazu: Für ihn sei es schon eine Verkleidung, wenn er lache.

 

Die Bilder, sein Land, das ist die ganze Zeit in seinem Kopf, sagt er. Er will ein Teil von dem hier sein, aber Kölle Alaaf lässt nicht alles vergessen.

 

Jetzt läuft er an einer komischen Gruppe vorbei. Vier Kölner bemühen sich mehreren Flüchtlingen, die meisten davon aus Afghanistan, Karneval vorzuspielen. Sie stehen im Kreis und eine Kölnerin im bunten Clown-Kostüm versucht, die Flüchtlinge zu animieren. Einer hat eine bunte Krawatte um, andere haben Tröten im Mund. Sie machen der Frau alles nach, werfen die Arme hoch, wenn auch etwas unbeholfen. "Sie haben Probleme mit dem Regen", erklärt die Clown-Frau. Überzeugt ist sie trotzdem von der Idee, mit Flüchtlingen auf den Karneval zu gehen. Nur so funktioniere es: "Wenn jeder Kölner einen Flüchtling mitgenommen hätte, hätte es super funktioniert. Wir verpassen sonst eine Chance."

 

"Sie müssen sich aber anpassen"

 

So sieht das auch Jomar: "Gib ihnen eine Chance, die Kultur zu verstehen, und sie werden sich anpassen." Ganz angepasst ist Jomar selbst noch nicht an Karneval. Er hat keine Verkleidung. Den Stock mit dem Luftballon und den Blumenkranz gab er der Fee zurück. Die vier jungen Frauen haben ihn am meisten überrascht, sagt Jomar. Sie wollten ihn nicht nur beschenken, sie haben auch gesagt, dass es unfair ist, die Silvesternacht auf die arabische Kultur zu schieben. Und dass die Flüchtlinge kommen sollen, zum Karneval und auch nach Deutschland. "Sie waren so aufgeschlossen", sagt Jomar.  "Das hat mich sehr froh gemacht."

 

Was Jomer nicht hört – wie eine sagt: Naja, Silvester habe schon etwas mit der Kultur zu tun gehabt. Und dann, streng: "Sie müssen sich aber anpassen." Ihre Freundinnen sagen: ist ein schwieriges Thema, lachen, dann reden sie nicht mehr darüber. Jetzt zählt nur der Karneval.