Die Frau ist nicht schuld

 

Von Bernd Ulrich

 

http://www.zeit.de/2016/15/frauke-petry-afd-luegenpresse-medien-interviews

 

Der "Lügenpresse" hat Frauke Petry in letzter Zeit verdächtig viele Interviews gegeben. Ihre wahren Feinde sitzen nämlich nicht in Redaktionen.

 

Frauke Petry ist Sprecherin der AfD. Und auf der Flucht. Nach vorn. In jüngster Zeit hat sie ungezählte Interviews gegeben, darunter äußerst riskante. Etwa das mit einem alten Hasen der BBC, der stets ein ziemlich gut sortiertes Sezierbesteck mit sich führt. Das Gespräch war ein Kampf – den sie nicht gewinnen konnte. Und dann war da ein noch tollkühneres Interview mit der auf das Allzumenschliche spezialisierten Zeitschrift Bunte. Petry wollte zeigen, wie sie als Mensch ist, als Mutter, als Liebende. Nun weiß man, dass man lieber nicht wissen will, wie sie als Mensch ist, als Mutter und als Liebende. Jedenfalls nicht so.

 

Es ist erstaunlich, dass ausgerechnet Frauke Petry in jene lügenpresserische Öffentlichkeit flieht, die ihr angeblich so feindlich gegenübersteht. Da muss es schon eine äußerst handfeste Fluchtursache geben. Die gibt es auch, es ist ihre Partei. Die anderen Anführer der AfD setzen Petry zu, immerzu, meist hinter vorgehaltener Hand. Nun heißt es, sie schämten sich fremd wegen der Sache mit der Bunten. Aber es könnte auch etwas anderes sein, denn irgendwie macht Frauke Petry in den Augen ihrer Partei ständig etwas falsch. Die Sprecherin der AfD wird von der AfD gejagt.

 

Doch ihre Kritiker täuschen sich. Nichts wäre besser, wenn einer der Herren die Führung übernähme. Zum einen wegen der Öffentlichkeit. Die ist zwar im Allgemeinen nicht so, wie die AfD sich das denkt. Aber gegenüber der AfD vielleicht schon, da zeigt sie jedenfalls eine gewisse, manche würden sagen: gesunde Härte. Das macht es nicht einfach, für die Partei das Gesicht hinzuhalten.

 

Richtig schwer wird es aber erst durch die inneren Widersprüche der AfD. Sie bedient sich eines bewährten Mittels, um in die Medien zu kommen, was eine kleine, neue Partei auch tun muss. Das Mittel heißt Übertreibung und geht so: Man sagt etwas Krasses, dann springen alle drauf, woraufhin man es wieder zurücknimmt, dabei lauthals klagend, dass alles aus dem Zusammenhang gerissen wurde, sodann lanciert man in die so entstandene Aufmerksamkeit hinein seine eigentliche Botschaft. Bei der AfD funktioniert der Trick jedoch nicht. Aus zwei Gründen: Zum einen sind die überzogenen Formulierungen dermaßen überzogen, dass sie nicht als Rampe für das Eigentliche dienen, sondern als das Eigentliche erscheinen. Zum anderen will die AfD ja eine konservative Partei sein, die jedoch durch genetische Erörterungen oder geistige Schießübungen immerzu aus der Fassung zu geraten scheint. Bloß widersprechen sich Konservativsein und Ausrasten fundamental. Von Konservativen erwartet man generell eine gewisse Breitcordhaftigkeit.

 

Auch inhaltliche Widersprüche machen es der AfD enorm schwer. Lassen wir das Leugnen des menschengemachten Klimawandels mal als Spezial-Verrücktheit beiseite. Ansonsten malt der AfD-Programmentwurf ein Gesellschaftsbild, das dem der CDU aus den frühen Siebzigern ähnelt. Das klingt harmloser, als es ist. Denn damals fügte sich das organisch in die Lebensweise einer (schwindenden) Mehrheit. Heute, ein halbes Jahrhundert später, müsste schon eine ungeheure politische und kulturelle Energie aufgebracht werden, um die Familie, die Nation oder die Schule wieder dahin zurückzubringen, wo sie mal waren. In einem weiteren Interview, mit dem Spiegel, sagte Petry: "Es gehört in Deutschland eine Menge Mut dazu, aufzustehen und Ideen zu äußern, von denen man weiß, dass sie aktuell noch nicht von einer Mehrheit geäußert werden." Das eben ist falsch: Es handelt sich vielmehr um Ideen, die von einer Mehrheit seit Jahrzehnten nicht mehr geäußert werden, darum erfordert es auch keinen Mut, sondern Trotz.

 

Und Hochmut: Die AfD will nicht die Stimme einer kleinen konservativen Minderheit sein, sie will offenbar die Mehrheit politisch umerziehen. Merke: Man darf schon Probleme mit Schwulen haben. Man darf ihnen nur keine mehr machen.

 

Dieses Gestern im gestreckten Galopp wirkt sehr schnell autoritär. Und es wirkte noch viel autoritärer, wenn es von Männern vorgetragen würde, die so alt sind wie die Ideen der AfD, anstatt von einer leidlich freundlichen Frau. Einer Frau, die überdies aus lauter Loyalität immer noch so tut, als würde sie von den Medien verfolgt. Dabei ist es doch ihre eigene Partei.