Wie deutsche Medien Russlands Präsident Wladmir Putin hofieren

Von Boris Reitschuster

 

http://www.huffingtonpost.de/2017/06/14/deutsche-medien-russland_n_17088726.html?utm_hp_ref=germany

 

Bis zu 2000 brutale Festnahmen von Demonstranten, Hunderte Minderjährige hinter Gittern, 30 Tage Haft für den Oppositionsführer Alexej Nawalny in einem Farce-Verfahren. Das sind die Nachrichten aus Russland.

 

Und was war als Schlagzeile bei der steuerfinanzierten Deutschen Welle am Montag zu lesen? "Nawalnij überreizt das Spiel", es handle sich um "eine völlig unnötige Provokation". Eine Provokation Navalnys, wohlgemekrt.

 

Wenn ein deutscher Journalist wie der Moskauer Bürgermeister klingt

Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin hat dasselbe Wort verwendet wie der Leiter des Moskauer Büros der Deutschen Welle, Juri Rescheto: Auch Sobjanin sprach in seinem Kommentar von einer "Provokation“ Nawalnys.

 

Das Erstaunliche: Sobjanin verwendete das Wort einen Tag später als die Deutsche Welle.

 

Das wirkt wie vorauseilende Anpassung an die Kreml-Propaganda.

 

Die Anbiederung der Deutschen Welle ist kein Einzelfall

Kritiker werfen der Deutschen Welle regelmäßig Anbiederung an autoritäre Regime wie in Moskau und Peking vor. Und nicht nur diesem Sender.

 

Auch die ARD berichtete zumindest teilweise in einer Weise, die im Kreml sicher sehr willkommen war: "Nawalny, der nationalistische und fremdenfeindliche Positionen vertritt" - so wurde der Hoffnungsträger der Opposition etwa am Montag in der "Tagesschau" eingeführt.

 

Auch in anderen Sendern war Ähnliches zu hören.

 

Hängen blieb bei vielen Zuschauern: Die bösen Nationalisten fordern Putin heraus.

 

Über Nawalnys Nationalismus kann man streiten

Wie nationalistisch Nawalny ist, darüber kann man streiten. Der Soziologe und Politologe Igor Eidman hält die Vorwürfe für überzogen und verweist darauf, der Anwalt, Blogger und Anti-Korruptionsaktivist vertrete für russische Verhältnisse heute eher gemäßigte Positionen, seine einschlägigen Aussagen lägen lange zurück.

 

Kritiker wie der Publizist Nikolaj Klimeniouk sehen Nawalny dagegen als "Rechtspopulisten“.

 

Egal, wer Recht hat: Die Übertragung von solchen westlichen Begriffen auf ein autoritäres System, in dem täglich in den gesteuerten Medien chauvinistischer Nationalismus geschürt wird, ist problematisch. Zumindest, wenn keine Einordnung erfolgt.

 

Die Vorwürfe müssen eingeordnet werden

In einer nationalistischen, militaristischen Diktatur, die Kritiker brutal unterdrückt, kann man nicht erwarten, dass Oppositionsführer lupenreine Demokraten sind.

 

Auf nationalistische Tendenzen von Kreml-Kritikern hinzuweisen, ist zwar legitim, ja sinnvoll.

 

Allerdings muss dann auch gleichzeitig zumindest kurz auf das massive Schüren eben jenes Nationalismus durch den Kreml und seine Medien hingewiesen werden. Sonst droht am Ende der Eindruck zu entstehen, Putin sei das geringere Übel. Beim Kreml-Chef verkneifen sich viele Medien klare Einordnungen.

 

Wie man Putin korrekt beschreiben würde

Würde die ARD etwa Putin in ihrer "Tagesschau" mit gleichem Maß messen wie Nawalny, müsste sie ihn vorstellen als "Putin, der massiv Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit schüren lässt“.

 

Oder als "Präsidenten, der laut UN ein Nachbarland angegriffen hat und für Kriegsverbrechen in Syrien die Verantwortung trägt.“

 

Das Wort Diktatur würde auch reichen. Die Duden-Definition des Begriffs ist durch Putins Machtausübung voll gedeckt: "unumschränkte, andere gesellschaftliche Kräfte mit Gewalt unterdrückende Ausübung der Herrschaft durch eine bestimmte Person, gesellschaftliche Gruppierung, Partei o. Ä. in einem Staat“.

 

Berichte, die die Realität verzerren

Wie irreführend die Berichterstattung zuweilen ist, zeigt der oben erwähnte Kommentar in der Deutschen Welle. Wer die Realität in Russland nicht genauer kennt, wird den Beitrag für durchaus kritisch halten.

 

Wie so viele Beiträge bei der Deutschen Welle und in anderen Medien, die oberflächlich zwar Kritik nicht aussparen – aber die Wahrnehmung von Putins Diktatur dennoch verzerren.

 

Etwa, indem sie sie als Demokratie auf Abwegen darstellen.

Oder relativieren.

Oder den Unterschied zwischen Tätern und Opfern verwischen.

Oder entscheidende Faktoren weglassen.

 

Was im Kommentar der Deutschen Welle stand

So steht etwa in dem Kommentar der Deutschen Welle: "Die jüngsten Proteste in Moskau waren mit den Behörden abgesprochen. Die Genehmigung durch die Stadt grenzt an ein Wunder. (...) Der genehmigte Ort ist zwar nicht der Rote Platz, aber ein bekannter Kundgebungsort mitten in Moskau: der Sacharow-Prospekt."

 

Weiter heißt es: "Am späten Vorabend ruft Nawalny völlig überraschend seine Anhänger auf, sich doch woanders zu treffen.“

 

Was im Kommentar der Deutschen Welle nicht stand

Das ist falsch.

Und irreführend.

In mehrfacher Hinsicht:

 

► Es gibt im russischen Demonstrationsrecht keine Genehmigung. Es reicht, wenn man eine Demonstration anmeldet. Das unterschlägt die Kreml-Propaganda gerne, viele westliche Medien übernehmen die Darstellung.

 

► Die Staatsmacht lässt Demonstrationen an Orten außerhalb des direkten Zentrums immer wieder einmal stattfinden. Denn dort entfalten sie weniger Öffentlichkeitswirkung, manchmal verpufft ihr Effekt sogar. Im Bezug auf Groß-Moskau ist der Sacharow-Prospekt zwar "mitten in Moskau", aber eben doch kein zentraler Platz, sondern eine Ausweichlösung.

 

► Auf dem Roten Platz gibt es nie Demos, und kein vernünftiger Mensch käme auf die Idee, sie dort anzumelden.

 

► Nawalny entschied sich zum Platzwechseln, nachdem der Staat ihm das Aufstellen einer Bühne verweigert hatte. Das wird in dem Kommentar verschwiegen.

 

Empörung über den Kommentar im Netz

"Dieser Text des einschlägig bekannten Moskauer DW-Büroleiters Jurij Rescheto ("Crimea is Russia", "Syrische Regierungstruppen haben Palmyra befreit" usw.) grenzt an Verleumdung. Ach was, es ist Verleumdung“, empört sich der Publizist Kimeniouk auf Facebook.

 

“Mit keinem Wort“ erwähne Rescheto "die Gründe für diese Entscheidung“ Nawalnys, klagt Klimeniouk: "Nämlich, dass die Behörden alle Unternehmer massiv unter Druck gesetzt haben, die die Organisatoren als Technik-Dienstleister ansprachen. Am späten Vorabend kam die letzte Absage, und sie war völlig überraschend für die Veranstalter.

 

Es gab also keinen Ton, keine Bühne, nichts. Und erst dann rief Nawalny seine Anhänger dazu auf, zum offiziellen Fest zu gehen, und zwar NUR mit russischen Fahnen. Die Polizei schnappte Menschen, die mit der russischen Trikolore wehten.“

 

Das Putin-Porträt, das mehr Reklame denn Journalismus war

Ein weiteres Beispiel dafür, wie große deutsche Sender Putin hofieren: Die WDR-Leitung hat sich entschieden, das verharmlosende, an Reklame grenzende Portrait "Ich, Putin" Hubert Seipel im "Ersten" zu senden – trotz heftiger interner Proteste.

 

Vergleicht man Berichte über Putin und Trump, hat man oft den Eindruck, es wäre der US-Präsident, dessen Kritiker reihenweise ums Leben oder ins Gefängnis kommen, der Nachbarländer angreift und in Tschetschenien wie in Syrien ganze Städte dem Erdboden gleichbomben ließ.

 

Es entsteht der Eindruck, Trump sei schlimmer als Putin

Ist all das nur Zufall?

Oder eher ein Verhaltensmuster?

 

Oft hat man den Eindruck, die USA seien für viele Journalisten die Bösen. Wer sie bekämpft, kann offenbar mit einer Grundsympathie rechnen - selbst wenn er so viel Dreck am Stecken hat wie Putin.

 

Anders als in autoritären Regimen wie Russland sind die Medien in Deutschland nicht gesteuert. Allenfalls steuern offenbar persönliche Scheuklappen in Form von Ideologie so manchen Berichterstatter.

 

Die Diktatoren-Flüsterer

Es gibt bei (fast) allen großen Medien viele Journalisten, die eine aufrechte Haltung gegenüber Diktaturen und Unrechtsstaaten haben und klar Position beziehen. Ihre Stimmen werden aber durch die Schönredner und Diktatoren-Flüsterer verwischt.

 

Hängen bleibt so bei vielen Zuschauern: Die einen sagen so, die anderen so, die Wahrheit liegt wohl in der Mitte. Oder: Trump und Putin sind beide nicht astrein, die Zustände in Amerika und Russland sind vergleichbar.

 

Wie irreführend und gefährlich das ist, wird einem spätestens dann klar, wenn man diese Herangehensweise auf die Diktaturen der Vergangenheit überträgt.

 

Ob Faschismus oder Bolschewismus, ob Pinochets Chile oder die DDR: Wer relativiert und schönredet, wer wegsieht oder Wichtiges verschweigt, macht sich mitschuldig.