Schreckliche Eindrücke

Von Boris Reitschuster

http://www.reitschuster.de/single-post/2016/12/29/Schreckliche-Eindr%C3%BCcke

 

Mit russischen Freunden im früheren Stasi-Knast in Hohenschönhausen. Ich war schon öfter dort, und jedes Mal merke ich: Man verdrängt diese Schrecken schnell. Man müsste jedes Jahr kommen. Wie beim TÜV. Sich vergegenwärtigen, wie verbrecherisch dieses Regime war.* Und dass diese Geister heute wieder aus ihren Löchern kriechen - auch Putin stammt aus diesem System, preist es bis heute. Die Führerin, eine Bekannte, empört sich: „SED und Stasi haben 30.000 Sozialdemokraten umbringen lassen, heute sitzt die SPD mit ihren Nachfolgern in Berlin in der Regierung.“ Auf dem Rückweg meint mein russischer Freund, der in Berlin lebt: „Vielleicht kommen wir in einem Jahr ohne Straßenbahnticket hierher zurück, kostenlos“. Mir bleibt das Lachen im Hals stecken.

 

Danke an Hubertus Knabe und sein tolles Team, das das Andenken in Hohenschönhausen wach hält.

 

*) Die 16jährige, die hier eingesperrt wurde, weil sie die Haare färbte, die 14jährige, die hier saß und zu zehn Jahren Haft verurteilt wurde, weil sie in der Schule auf Stalins Bart eine Schleife zog, die Zellen im Keller, wo Menschen schlimmer als Vieh behandelt wurden, Menschen aus West-Berlin, die von der Stasi angeheuerte Schwerkriminelle hierher entführten, die gruseligen Folterzellen, die Weiterbenutzung von KZs der Nazis zur Inhaftierung politischer Gegner, die Ignoranz gegenüber Fakten und Opfern bei vielen im Westen, die Verhör-Spezialisten, die Gefangene mit Händen und Füßen schlugen, und nach der Wende Karriere als Anwälte machten, Stasi-Ärzte, die heute florierende Praxen betreiben – man könnte die Schrecken endlos aufzählen. Jeder, der „gleiche Distanz“ von den USA und einem diktatorischen Russland fordert, sollte sich dieses Museum ansehen.

 

 

Kommentar:

 

„Empfehlungen“ aus der DDR

  • Überlege Dir, worüber Du am Abendbrottisch vor deinen Kindern redest. Dein (politisch naives) Kind erzählt am nächsten tag darüber in der Schule. Du erhältst eine ganz persönliche Vorladung des Schuldirektors, in der erörtert wird, ob Du in der Lage bist, eine sozialistische Persönlichkeit zu erziehen.
  • Beachte beim Spaziergang, welche Straßenseite Du benutzt. Sollte Dein Weg zu nahe an dem antifaschistischen Schutzwall (Mauer) vorbeiführen, wirst Du aufgegriffen und befragt (nach Ausweis-Prüfung), weshalb Du gerade dort spazieren gehst. Überlege Dir Deine Antwort; sie könnte existenziell sein.
  • Mach Deine Stimme bei einer DDR-Wahl nicht ungültig. Am nächsten Tag erhältst Du eine Einladung von Deinem Vorgesetzten mit der Aufforderung, eine (handschriftliche) Erklärung zu Deiner Missetat abzugeben (Vorgabe: mindestens eine DIN4-Seite).
  • Sage nie „in der Deutsche Demokratische Republik“, wenn Du zuvor die schlechte Versorgung mit Lebensmitteln, Wohnungen, Telefon und dergleichen erwähntest. Maßnahmen: siehe bei Stimme ungültig machen.

 

Ich könnte zahllose Beispiele aus dem DDR-Alltag hinzufügen. Es waren die hundert „Kleinigkeiten“ des Alltags, die diesen ausmachten und heute nicht von einer DDR 2.0 sprechen lässt. So werde ich nicht in gepflegtem Sächsisch „Es war nicht alles schlecht in der DDR“ den Besorgten in Dresden zurufen. Dazu fehlt mir das Talent und vor allem hindert mich mein Erinnerungsvermögen daran.

 

Wanda