Russland will nur den Rasen zerstören

 

Auf die Gewalt, die von Putin ausgehe, mit Verständnis, Entgegenkommen oder gar Anbiederung zu reagieren, sei fatal, kommentierte der freie Publizist Boris Reitschuster im Deutschlandfunk. Denn der Kremlchef habe selbst gesagt, dass die Schwachen geschlagen würden. Die Politiker sollten darauf hören: Wenn sie Frieden wollten, müssten sie Stärke zeigen.

Von Boris Reitschuster, freier Publizist

http://www.deutschlandfunk.de/internationale-politik-russland-will-nur-den-rasen.720.de.html?dram%3Aarticle_id=366128

 

Was haben Wladimir Putin und der deutsche Fußballer Rolf Rüssmann gemeinsam? Die Taktik. "Wenn wir hier schon nicht gewinnen, dann treten wir ihnen wenigstens den Rasen kaputt", sagte der Nationalspieler einst vor einem Spiel mit Gladbach bei der Borussia Dortmund – der seine Mannschaft spielerisch nicht gewachsen war. Auch Putins Russland ist wirtschaftlich, technologisch und militärisch abstiegsgefährdet und dem Westen weit unterlegen. Deshalb hat sich der Kreml-Chef darauf verstiegen, das Spielfeld der internationalen Politik umzupflügen und dabei die Spielregeln zu verletzen.

 

Es ist atemberaubend, wie der Kremlchef seine westlichen Widersacher vor sich hertreibt – in Syrien und anderswo. Obama und Co. agieren nicht mehr, sie reagieren fast nur noch. Und auch das meist halbherzig. Wie sich die Zeiten doch ändern: Als der greise Boris Jelzin 1999 den Ex-KGB-Offizier Putin in den Kreml lupfte, wurde Russland international eher bemitleidet, zuweilen gar belächelt. Ein unerträglicher Zustand für einen wie Putin: Der hatte schon als Straßenjunge in Leningrad gelernt, dass nur Stärke zählt. Vor allem im Kampf gegen die Erniedrigungen und Beleidigungen, die er damals wie heute überall wittert. Kampf ist sein Element, Kompromiss ist für ihn Schwäche.

 

Gezieltes Brechen von Regeln

Als junger Präsident eroberte Putin mit einer Charmeoffensive viele Herzen im Westen, die ihm prompt auch verziehen, dass er im Inland die Daumenschrauben anzog. Doch je mehr Dollar die steigenden Ölpreise in Putins Staatskasse spülten, je mehr Geld er für Rüstung ausgeben konnte, umso stärker verwandelte sich sein Lächeln in Drohgesten. Der Kremlchef und seine KGB-Kameraden sannen auf Revanche für die Niederlage im Kalten Krieg. Und sie setzten dabei auf das, was sie in der KGB-Kaderschmiede gelernt hatten: Den Gegner kühl analysieren, ihn an seinen Schwachstellen attackieren, ihn in die Irre führen. Und dabei gezielt Regeln brechen.

 

Putin hat verstanden, dass seine Widerparts zwischen Alaska und Malta in erster Linie nach Harmonie und Ruhe streben – und glauben, Putin müsse doch im Innersten dasselbe wollen. Wie den Esel mit der Karotte ködert Putin sie wieder und wieder mit der Aussicht auf Waffenstillstände und Friedenslösungen, mit Zusagen und Verträgen, mit Versicherungen, er habe gar keine eigenen Truppen im Nachbarstaat, der Ukraine, oder er ziehe aus Syrien ab. Putin verstößt so dreist gegen die Spielregeln und Konventionen, er lügt so forsch, dass er genau deshalb damit durchkommt. Weil so viel Dreistigkeit jenseits unserer Denkwelt sind. Mit den Ablenkungsmanövern und Lügen gewinnt er Zeit und Raum.

 

Putin will neue Spielregeln

Um im Bild vom Fußballspiel zu bleiben: Wir versuchen immer noch, herauszufinden, was die Taktik von Putins Mannschaft ist, ob es sich bei den seltsamen Manövern um eine neue Art der Abseitsfalle oder Viererkette handelt. Und wie wir darauf reagieren können. Und wir bemerken gar nicht, dass der Gegner nur den Rasen zerstören will. Nur dass wir es statt mit einem Rasen mit der Friedensordnung nach dem Zweiten Weltkrieg zu tun haben. Er will neue Spielregeln. Je mehr Kriege und Krisen er anzettelt, umso mehr Tribut kann er für deren Beilegung verlangen, umso erfolgreicher kann er im Trüben fischen. Und das eigene Volk von den hausgemachten Problemen und der Armut ablenken. Frieden und Stabilität dagegen sind oft schlecht fürs Geschäft und für den Ölpreis.

 

Der geniale russische Historiker Juri Piwowarow geht so weit, dass er Putin als einen späten Nachfolger von Dschingis Khan sieht: Die mongolische Macht, die einst Russland beherrschte, erkenne "keinerlei Art von Verträgen an, keine Konvention, keine Zusammenarbeit und keine Übereinkunft", mahnt Piwowarow: "Die mongolische Macht ist ausschließlich die Macht durch Gewalt; die russischen Anführer übernahmen das."

 

Auf diese Macht durch Gewalt mit Verständnis, Entgegenkommen oder gar Anbiederung zu reagieren, ist fatal – und wirkt wie ein Aufputschmittel. Unsere Politiker sollten hier von Putin selbst eine Lektion lernen: Die Schwachen werden geschlagen, warnte der Kremlchef einst. Wir sollten auf ihn hören. Wenn wir Frieden wollen, müssen wir deshalb Stärke zeigen.