Die Majestätsbeleidigung:

Eine persönliche Begegnung mit Putin zeigt, was in Russland schief läuft

 

http://www.huffingtonpost.de/2017/07/02/putin-wahrheit_n_17368612.html?utm_hp_ref=germany

 

Kaum hatte ich Wladimir Putin die Frage gestellt, da wusste ich schon – es wird keine freundliche Antwort. Seine Blicke fühlten sich an wie Blitze.

 

Dabei war die Frage eigentlich ganz harmlos. Zumindest für deutsche Verhältnisse.

 

Das Treffen im Kreml mit dem russischen Präsidenten ist schon rund 15 Jahre her. Es war eine von mehreren Begegnungen mit ihm; eine kleine Runde mit einer Handvoll Journalisten, zur Audienz beim Tee.

 

An Putins Antwort von damals muss ich immer wieder denken. Sie erklärt viele seiner Aussagen von heute.

 

Mein Treffen mit Putin

"Wladimir Wladimirowitsch“, so sprach ich den Präsidenten nach Landessitte an: "Sie sagen immer, dass Sie die Korruption bekämpfen, Sie reden viel von den Erfolgen, aber ich erlebe das Gegenteil, Verkehrspolizisten fordern von mir immer noch regelmäßig Bestechungsgeld.“

 

Das angedeutete Lächeln verschwand sofort von Putins Lippen; der ohnehin schon kühle Blick aus seinen Augen wurde eiskalt.

Er begann Paragraphen aufzuzählen, Regeln, Neuerungen, Vorstöße. Es war ein halber Vortrag, mit so vielen Details, und sehr vielen Schachtelsätzen, dass im Endeffekt nur noch die Richtung klar war.

 

Das ist Putins Methode – er erschlägt Gesprächspartner mit Details.

 

Er wurde immer schneller und ungehaltener, redete sich – für seine Verhältnisse – regelrecht in Rage.

 

Aufgrund all des Aufgezählten, so belehrte er mich am Schluss, könne ich mit Sicherheit davon ausgehen, dass das Problem gelöst sei und ich keine Bestechungsgelder im Kreml mehr bezahlen müsse.

 

Sein Blick war dabei so grimmig, dass ich mir jede Nachfrage verbiss. Ich wollte ja auch wieder raus aus dem Kreml.

 

Was sollte Putins Reaktion mir sagen?

Wenig später fragte ich einen guten Bekannten, damals einen der bekanntesten Politiker und Abgeordneten im Lande: "Kannst du mir erklären, was das war?“

 

Er hörte sich schmunzelnd meine Erzählung von dem Wortwechsel an, der eigentlich keiner war.

 

"Warum“, fragte ich ihn, "sagt mir Putin, er habe das Korruptionsproblem gelöst? Er ist doch nicht dumm, er weiß doch, dass ich das nicht glaube.“

 

"Verstehst du das wirklich nicht?“, fragte mich der russische Abgeordnete: "Du hast massiv gegen die Spielregeln verstoßen! Ganz massiv!“

 

"Warum?“

"Dem Präsidenten, also dem Zaren, offen ins Gesicht zu sagen, dass er seine Ankündigungen nicht wahr macht, also lügt – das geht nicht, das ist Majestätsbeleidigung! Sei froh, dass du Ausländer bist, einem Russen wäre das nicht so folgenlos von der Hand gegangen!“

 

Mein Gegenüber hatte Recht, wie ich heute, rund 15 Jahre später, weiß.

 

Viele Russen durchschauen das Spiel

Glauben die Russen wirklich an die ganze Propaganda? An die ganzen Lügen? Das werde ich immer wieder gefragt.

 

Nein, natürlich glauben die Russen nicht daran. Zumindest nicht die Mehrheit.

 

Sie wissen, dass Putin lügt.