Wladimir der Große:

Die orthodoxe Kirche in Russland will die Monarchie wiedereinführen

von     Boris Reitschuste

http://www.huffingtonpost.de/2017/07/04/wladimir-der-groe-die-orthodoxe-kirche-in-russland-will-die-monarchie-wiedereinfuhren_n_17382052.html?utm_hp_ref=germany

 

Haben wir es nicht schon immer geahnt? Nur Präsident zu sein, ist eigentlich viel zu wenig für jemanden wie Wladimir Putin, der sich gerne als „Nationaler Führer“ feiern lässt. Der Russland wieder von den Knien erhoben und zur Weltmacht gemacht hat – jedenfalls in den Augen der Medien, die er – welch günstiger Zufall – auch selbst steuert.

 

Kein Wunder also, dass sich der Mann, der einst auf die Spitznamen "Stasi“ und "Motte“ hörte, jetzt offenbar auf noch höhere Ehren vorbereitet: Auf die Zarenkrone.

 

Die orthodoxe (Staats-)Kirche in Russland hat jetzt jedenfalls erklärt, sie sei bereit, an einem "Dialog über die Wiederherstellung der Monarchie in Russland" teilzunehmen.

 

Zarenkrone als Legitimation der lebenslangen Herrschaft

Um die Meldung richtig zu erfassen, muss man sie aus dem Putinschen Amtsrussischen ins Deutsche übertragen und einordnen.

 

Der Reihe nach:

 

Zum einen darf Wladimir Putin 2024 nicht mehr als Präsident kandidieren, weil nur zwei Amtszeiten hintereinander erlaubt sind. Allgemein kümmert sich der Kremlherr zwar wenig um die Verfassung – aber die Zwei-Fristen-Regelung ist offenbar sein ganz persönliches Demokratie-Feigenblatt, um juristisch nicht ganz nackt dazustehen.

 

So eine Zarenkrone könnte da natürlich als mögliche Hintertür (raus und gleich wieder rein) in den Kreml ganz gelegen kommen. Man weiß ja nie. Als Diktator.

 

Offiziell war es nur der Metropolit, also der Oberbischof von Wolokolamsk, Ilarion, der sich mit der Monarchie-Idee an die Öffentlichkeit wandte: Ein göttlicher Wink mit dem Zaunpfahl - bzw. dem Thron.

 

Er habe damit nur seine persönliche Meinung ausgedrückt, schickte seine Exzellenz schnell hinterher. Aber so einfach ist es nicht.

 

Zaren-Sehnsucht der orthodoxen Kirche

Denn immerhin ist Ilarion Chef der Abteilung für Außenbeziehungen der orthodoxen Kirche – und damit ihr Sprecher. Und Gottes Stimme spricht gemeinhin mit Bedacht.

 

Dass sich der ehrwürdige Metropolit einfach so verplappert, noch dazu im staatlichen Fernsehen, ist so unwahrscheinlich, wie dass ihn auf der Stelle Gottes Zornesblitz trifft.

 

Aber selbst wenn dem Oberhirten vor lauter Zaren-Sehnsucht oder durch teuflische Versuchung die Zügel durchgegangen sein sollten: Die staatliche Nachrichtenagentur Ria Nowosti hätte die Aussage dann sicher dezent verschwiegen und so Gottes Willen genüge getan.

 

Doch Ria verlautbare die kirchliche Kunde in die ganze Welt. Damit ist klar: Putin hat zumindest nichts dagegen, dass solche Vorschläge die Runde machen.

 

Kreml-Chef von Gottesgnaden

Schon im März hatte das Oberhaupt der okkupierten Krim, Sergej Aksjonow, im Fernsehen erklärt, Russland brauche wieder eine Monarchie.

 

Die Stimme des Politik-Aufsteigers, dem hartnäckig Kontakte zu mafiösen Kreisen nachgesagt werden, hat dabei viel weniger Gewicht als die Aussage des Oberhirten.

 

Der Metropolit – nicht zu verwechseln mit dem Metropoliten, wie die Moskauer U-Bahn genannt wird – machte aus seinem Herzen keine Löwengrube: In einer Monarchie werde jemand nicht einfach "für eine bestimmte Frist gewählt“, sondern bekomme "die Bewilligung Gottes“. Über die Kirche, die ihn durch ihre Priester salben lasse.

 

Man unterdrücke nun bitte den ketzerischen Gedanken, auf just diese Vermittler-Rolle zwischen Gott und Zar habe der Kirchensprecher ein Auge geworfen. Blasphemisch auch der Hinweis, Vermittler würden aus ihren Deals zumeist Nutzen ziehen.

Der Metropolit steht gewiss über solchen Dingen, Gott möge sein Zeuge sein.

 

"Monarchie hat sich in der Geschichte positiv empfohlen"

Jedenfalls kündigte er „die alleraktivste Teilnahme“ der Kirche an für den Fall, dass "unsere Gesellschaft irgendwann reift wird für diese Diskussion“. Also für die Monarchie.

 

"Das ist natürlich die Regierungsform, die sich in der Geschichte positiv empfohlen hat und viele Vorteile hat gegenüber allen anderen Regierungsformen“, lobte der Oberhirte die Monarchie – und fügte gleich hinzu, dass die Kirche aber natürlich jeder Form von Macht neutral und loyal gegenüberstehe.

 

In der Tat. Die russisch-orthodoxe Kirche wirkt seit Peter dem Großen wie ein Anhängsel des Staates. Und selbst dem Massenmörder Stalin stand sie weitgehend neutral bis loyal gegenüber.

 

Dass sie jetzt einen Vorstoß in Richtung Monarchie wagt ohne Segen von ganz oben, scheint ausgeschlossen.

 

Einen echten Zaren macht nicht die Krone aus

Zumal führende Kirchen-Vertreter auch schon die staatliche Hetze gegen Homosexualität ("Krankheit“ und/oder "Sünde“) ebenso unterstützten wie sie Waffen segneten, Humanismus für Satanismus halten und sich einen Krieg wünschen – weil die zu "satte und sorgenlose“ russische Gesellschaft mal wieder einen nötig habe.

 

Ob Wladimir Putin wirklich Wladimir der Große werden will, darf bezweifelt werden.

 

Sinn macht der Vorstoß trotzdem: Wenn er sich auf irgend eine Weise auch nach 2024 wieder ins Amt mogelt – wie 2012 durch den Rollentausch mit seiner Sprechpuppe Dmitrij Medwedew – könnte Putin immerhin bescheiden darauf verweisen, dass er die massive Forderung der Werktätigen bzw. Gottesdiener nach einer Krönung zurückgewiesen habe.

 

Einen echten Zaren macht nicht die Krone aus. Sondern die Bescheidenheit.